# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 09 30_S23 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) „Wir wollen nun abri der Pruͤfung jener Be⸗ bauptung, es ſei der Vernunft zuwider, die Leh⸗ ren der chriſtlichen Religion für wahr, und die Bibel für Gottes Wort zu halten, ſo zu Werke gehen, daß wir den auf der Erfüllung der meſſia⸗ niſchen Weiſſagungen ruhenden Beweis aufſtel⸗ len, und hören, was die Gegner ſagen, um ihn zu entkräften, oder zu beſeitigen, auf daß wir daran ſehen, wer denn in Wahrheit der Verunnft zuwider handelt: die Chriſten, die den Beweis annehmen, oder die Gegner, die ihn verwerfen. Und es wird ſich zeigen, daß nicht die Chriſten der Vernunft zuwider handeln, ſondern die Geg⸗ ner des Chriſtenthums: nicht die Gläubigen ſind die Unverſtändigen, ſondern die Ungläubigen find die Unverſtändigen.) — Wir danken aber Dir, lieber himmliſcher Va⸗ ter, daß Du uns ſo hobe Gaben Leibes und der Seele gegeben haſt, inſonderheit die Vernunft, und bitten Dich, Du wolleſt uns vergeben, daß wir dieſelben oft mißbraucht haben, und grade je böher die Gabe, deſto mehr. Waſche uns in dem Blute des Lammes, und verleihe, daß wir, was Du uns gegeben, hinfort nur zu Deines Ramens Ehre und zu unſerem und unſerer Brüder Heil gebrauchen. Wolleſt auch die erretten, die noch im Dienſt der Sünde ſtehen, und an Ihrem eige⸗ nen Verderben arbeiten, auf daß ſie mit uns eins werden, und wir alleſammt uns Dir dar⸗ bringen mit Allem, was wir ſind und haben, zu einem Opfer das da lebendig, heilig und Dir im Himmel, um Deines lieben Sohnes unſeres Herrn willen, Deinen fernern Segen zu unſerer andächtigen Betrachtung. Amen. Alles was gegen die Erfüllung der meſſiani⸗ ſchen Weiſſagungen des Alten Teſtaments, dieſen Beweis fuͤr die Wahrheit der chriſtlichen Religion, angeführt iſt, und was möglicher Weiſe dagegen angeführt werden kann, läßt ſich in drei Puncte zuſammenfaſſen, die wir nun kürzlich als Ange⸗ ſichts der Gegner, mit einander durchgehen wollen. 1. Man hat geſagt, die Weiſſagungen, die ſich im Alten Teſtamente finden, ſind allerdings, ſo wie ſie daſtehen, und zu der angeblichen Zeit geſpro⸗ chen; ebenfalls ſind die Begebenbeiten, die im Neuen Teſtament gemeldet werden, wirklich ge⸗ ſchehen; mit beiden hat es ſeine Richtigkeit. Allein das beweiſt nichts für die Göttlichkeit des Chri— ſtentbums. Denn das Zuſammenſtimmen der Weiſſagungen im Alten Teſtament und der Be⸗ gebenheiten im Neuen Teſtament iſt zufällig. Es ſagt oder ſchreibt ja Mancher ein Wort, das auf die ferne Zukunft Bezug hat, und auch in Erfül⸗ lung geht; darum hält aber noch Niemand den, der einen ſolchen Ausſpruch gethan hat, für einen Propheten, und ſeine Schrift für von Gott ein⸗ ) Dieſe Wahrheit in keineswegs erſt jetzt erkannt, oder bier zum erſten Mal ausgeſprochen. Es bat namentlich ein berübmter franzöfiſcher Geiſtlicher, A. Monod, in einer Predigt dieſelbe in umfaſſender und ſchlagender Weiſe dargelrot. — 20— gegeben, und das eingetroffene Ereigniß für ein göttliches und übernatürliches Werk. So findet ſich bei einem alten lateiniſchen Philoſophen und Dichter,“) der einige Zeit nach Chriſto gelebt hat, eine Stelle, die man wol für eine Weiſſa⸗ gung auf die Entdeckung America's gelten laſſen könnte, und ein anderer römiſcher Mann, **) der etwa 100 Jahre vor Chriſti Geburt gelebt, hat die klaren Worte ausgeſprochen, das römiſche Reich würde 12 Jahrhunderte beſtehen, was auch wirklich eingetroffen iſt, indem daſſelbe 753 oder 754 vor Chriſti Geburt ſeinen Anfang ge⸗ nommen, und 455 nach Chriſti Geburt zur Zeit der Plünderung Roms den Todesſtoß erhalten hat, und 475 nach Chriſti Geburt gar unterge⸗ gangen iſt. Aber desbalb haltet doch auch ihr Chriſten jene Männer nicht für Propheten, noch ihre Worte für Gottes Worte, noch jene Ereig⸗ niſſe für göttliche und übernatürliche Werke. Weshalb ſoll es denn anders mit den Weiſſa⸗ gungen des Alten Teſtaments ſein? — Chriſten antworten darauf nach 5 Moſe 18, 22. Wenn der Prophet redet im Namen des Herrn, und wird nichts daraus, und kommt nicht, das iſt das Wort, das der Herr nicht geredet hat; der Pro⸗ pyet hat's aus Vermeſſenheit gereder, darum ſcheue dich nicht vor ihnen. Alſo auch: hätten jene Männer im Namen des Herrn geredet, und es wäre dann eingetroffen; ſo würden wir auch in dieſen Fällen Alles gelten laſſen, was wir von den Weiſſagungen des Alten Teſtaments behaup⸗ ten. Das haben ſie aber nicht gethan, ja ſie ha⸗ ———* ö E allem Anſchein nach nicht einmal woblgefällig ſei. Zu dem Ende gieb auch, Vater ben den Herrn allem Auſch 0 gekannt; alſo halten wir das Eintreffen ihrer Worte allerdings für etwas Natürliches, oder, wie man im gemeinen Leben ſagt, Zufälliges; indem es im Laufe der Dinge ja wohl einmal vorkommen kann, daß etwas, was ein Menſch vor langer Zeit geſagt, oder aufgeſchrieben hat, geſchieht; während es eben ſo wohl hätte aus⸗ bleiben können. Anders iſt's mit den Propbeten des Alten Teſtaments, die haben geweiſſagt im Ramen des Herrn, und es iſt eingetroffen. Doch werden die Gegner ſagen: Das iſt eine Regel aus der Bibel, nach welcher ihr Chriſten euch richtet; wir aber halten uns an die Vernunft, und gehen nach den Regeln des gemeinen Menſchenverſtan⸗ des. Nun wohlan! die ihr euch blos an die Vernunft halten, und nach den Regeln des ge⸗ meinen Menſchenverſtandes gehen wollt, laſſet euch doch erinnern, daß es auch ſonſt eine ganz andere Bewandniß mit den Prophezeihungen des Alten Teſtaments hat, als mit den aus der Welt⸗ geſchichte angeführten Beiſpielen. In letztern iſt ein einzelnes Ereigniß angegeben, in jenen aber eine Kette von Ereigniſſen. Denn im Alten Te⸗ ſtament iſt nicht etwa blos geweiſſagt, daß zu einer gewiſſen Zeit ein; Mann Namens Jeſus leben und große Thaten und Wunder thun wür⸗ de, oder dergleichen; ſondern im Alten Teſtament iſt die ganze beilige Geſſhichte des Neuen Teſta⸗ ments der Hauptſache nach geweiſſagt: daß Jo⸗ hannes der Täufer des Meſſias Vorlaͤufer ſein, *) Sentca. 5) Betnus Baleus nach Cenſerinus. daß er ſelber aus dem Geſchlecht Davids von einer Jungfrau zu Bethlehem in Niedrigkeit g boren werden, nach Egypten entfliehen, in Naza⸗ reth aufwachſen und in der 70ſten Jahrwocht nach der Rückkehr des Volks der Juden aus der Babyloniſchen Gefangenſchaft, ihnen Gottes Wil⸗ len verkündigen, und große Thaten und Wunde verrichten, daß aber die Welt ſich wider ihn ſezen und ihn ungerecht richten und verdammen, er aber unſchuldig viel leiden und endlich gekren⸗ zigt werden würde; dann würden die Kriegs⸗ knechte ſeine Kleider unter ſich theilen, und un ſeinen Rock das Loos werfen, ſeine Feinde ihn ſelbſt dann noch höhnen, er aber geduldig ſein wie ein Schaaf, das verſtummt vor ſeinem Sche⸗ rer, und jene ihm kein Bein zerbrechen, und ein Grab geben mit den Reichen; und am drittn Tage würde er wieder auferſtehen und nun ewig⸗ lich leben und herrſchen, bis alle Feinde zum Schemel ſeiner Füße gelegt wären; wie das Al⸗ les und noch viel mehr im Alten Teſtament, na⸗ mentlich im 22ſten Pſalm und im 53ſten Capinil! des Propheten Jeſaia, das man ein 5tes Evan⸗ gelium genannt hat, zu finden iſt, und Jedermann nachleſen kann. Deß wollten wir die erinnem, die ſprechen, das Zuſammenſtimmen der Weiſſa⸗ gungen des Alten Teſtaments und der Begeben⸗ heiten des Neuen Teſtaments ſei zufällig, und dabei ſich auf die Regeln des gemeinen Menſchen⸗ verſtandes berufen. Dergleichen hält kein Ver⸗ nünftiger für zufällig, wie Jedermann bezeugen wird, und zum Ueberfluß noch aus folgendem Beiſpiel ſich ergiebt. Denkt euch, ihr Gegner, ihr ſindet eines Tages an einer Tafel oder ſonl wo in eurem Zimmer einen Buchſtaben geſchri⸗ ben. Es wird gefragt: Von wem rührt er her? von einem kleinen Kinde, das die Buchſtaben nicht ſchreiben kann, ja auch nicht einmal kennt, oder von Einem, der ſie kennt, der ſchreiben kann und den Buchſtaben hat ſchreiben wollen? Ein jever, der nachdenkt, wird ſagen, das Letztere iu zwar wahrſcheinlicher, doch auch dasErſtere iſt moͤ⸗ lich, beſonders wenn der Buchſtabe nicht vollkom⸗ men deutlich iſt; denn ein Kind kann ja auch beim Spielen mit Kreide oder dergleichen zufaͤlli⸗ ger Weiſe eine Figur machen, die einem Buch⸗ ſtaben ähnlich ſiebt. Aber wie iſt's, wenn ihr ſtatt eines Buchſtabens einen ganzen Satz an der Tafel geſchrieben findet? z. B. Das iſt das ewi⸗ ge Leben, daß ſie dich, der du allein wabrer Gotl biſt, und den du geſandt haſt, Jeſum Chriſtum erkennen. Würde man da auch noch fragen koͤn⸗ nen: hat es ein Kind gethan, das den Spruch nicht weiß, auch nicht einmal ſchreiben kann; oder! Jemand, der den Spruch weiß, ſchreiben kann, und dieſe Worte hat ſchreiben wollen, alſo mit einem Worte, iſt's Zufall oder nicht? Niemanso, der Vernunft gebraucht, wird ſagen, es ſei Zu⸗ fall; am allerwenigſten ſollte man's von denen erwarten, die ſich auf die Vernunft berufen. Aber ganz eben ſo iſt's mit den Vorherverkündigungen des Alten Teſtaments. Ja, wäre nur ein ein⸗ zeines Ereigniß vorbergeſagt und eingetroffen, dann möchte es Zufall ſein, aber es iſt eine ganze Kette von Ereigniſſen, eine ganze Geſchichte mit ihren einzelnen Umſtänden vorhergeſagt und ein⸗