# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 09 15_S7 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) einem Worte, diese treuen Zeugen prüften alles nach Gottes Wort, verwarfen, was diese Probe nicht aushielt, und verläugneten mit Willen Christum in keinem einzigen Puncte, sondern hielten fest an dem Vorbilde der heilsamen Worte vom Glauben, 2 Tim. 1, 13. Hätten diese seligen Männer einen andern Weg eingeschlagen und statt fest zu halten ob dem Worte des Lebens, bald diese bald jene Lehre als unwichtig und weil sie den Grund des Glaubens nicht unmittelbar berühre, in Gleichgültigkeit den Irrlehren oder Irrenden Preis gegeben und unvertheidigt gelassen: was würde uns der Feind nicht alles geraubt haben, wie würde aus Schuld untreuer Wächter das ganze Heiligthum geplündert und zerstört worden sein, so daß wir jetzt auf den Trümmern desselben jammernd fragen müßten, was ist Wahrheit? Wichtig, sehr wichtig, ist daher stets das Festhalten und Vertheidigen jeder in Gottes Wort gegründeten Lehre, und es hat daher im Laufe der Geschichte der christl. Kirche gar oft Perioden gegeben, wo es sich auf dem Gebiete des Kampfes nur um die orthodoxe (rechtgläubige) Erkenntniß und Bekenntniß einer einzigen Lehre handelte.*) Was nun die von Hrn. P. Keyl insonderheit angegriffene Agende der luther. Synode von Ohio (und wie ich höre, noch dreier Synoden) betrifft, so muß man sich wirklich wundern und betrüben, daß Hr. P. Nollau auch die Bekämpfung des unlutherischen Inhalts derselben „unter das Erzeugniß eines ungesunden Elements“ rechnet, in dem Hr. P. Keyl sich bewegen soll. Man muß daher mit Erstaunen fragen, ist denn eine Agende eine so gleichgültige Sache? Oder ist sie nicht als fast tägliches Handbuch des Predigers vielmehr von hoher Wichtigkeit und praktischem Einflusse auf das geistige Leben seiner Gemeine? Ist es daher gleichviel, ob darin Wahrheit und Irrthum gemischt ist; gleichgültig, ob ein Lutheraner darin die salbungsvolle, dem Worte Gottes entlehnte Kirchensprache, oder die mit Gefühlen spielende Sprache der Belletristen (Schöngeister) des neunzehnten Jahrhunderts hört? Nach dem zu urtheilen, was P. Keyl von dieser Agende sagt, muß sie in ihren meisten Formularen im directen Widerspruche mit der Lehre der lutherischen Kirche stehen, und kann daher trotz ihres Aushängeschildes auf den Namen derselben nicht Anspruch machen, und die Erscheinung, daß sie *) Anmerkung. Hr. Dr. Guericke spricht in dieser Beziehung in den „Theologischen Bedenken. betr. reform. und lutherisch. Lehrbegriff, ꝛc. von Dr. Guericke und Dr. Scheibel," pag. 20 u. f.: „Mit eben dem Rechte, als man den Breslauern (Lutheranern) vorwirft, daß sie das ganze Christenthum in das Abendmahl auflösen, müßte man auch den wackern Vertheidigern der Kirchenlehre im Arianischen Streite vorwerfen. daß sie das ganze Christenthum in das Homousion, in die wahre Gottheit Christi und Dreieinigkeit, den Vertheidigern der Kirchenlehre in den folgenden orientalischen Kämpfen, daß sie das ganze Christenthum in Christi Person, einem Augustinus, daß er das ganze Evangelium in die Lehre von Sünde und Gnade, einem Luther, daß er im Gegensatz gegen die papistische Kirche in die Lehre von der Rechtfertigung und im Gegensatz gegen Zwingli ebenfalls in die Lehre vom Abendmahl das ganze Christenthum auflösete. In jedem wichtigen christlichen Streite erscheint ja so leicht der Streitpunct als Mittelpunct des Christenthums, und in gewissem Sinne sind auch allerdings alle wesentlich christliche Lehren Centra“ u. s. w. ohne Widerspruch der Gemeinden drei Jahre lang öffentlich gebraucht und sogar angepriesen worden ist, läßt nur zu sehr auf einen verwerflichen Indifferentismus (Gleichgültigkeit) gegen lautere oder mit Irrthum gemischte Wahrheit schließen. Ist denn aber ein solcher laodiceischer Zustand hinsichtlich der Lehre etwa ein Kennzeichen der Blüthe der luther. Kirche, die, wie auch ihre Widersacher zugeben, vor allen andern Kirchen die Wahrheit am reinsten bewahrt hat? Oder hat nicht vielmehr Hr. P. Keyl Recht, darin ein Zeichen ihres Verfalls zu sehen? Auch in unserm alten Vaterlande, Sachsen, wurden zu Anfang dieses Jahrhunderts neue Gesangbücher und neue Agenden eingeführt. Welche Früchte sie getragen haben, lehrt die Geschichte der dortigen luther. Kirche, und die klägliche Erfahrung, und wir von dort ausgewanderten Lutheraner, Prediger und Zuhörer, haben es daher wohl als Irrthum und sündliche Schwachheit zu beklagen, daß wir nicht gegen beiderlei Schriften protestirten. Soll denn aber hier, namentlich ein Prediger, dessen Lippen ja insbesondere die Lehre bewahren sollen, und jeder andere Lutheraner, wenn er seine Glaubensbrüder auf ähnlichen Abwegen sieht, ruhig zusehen, und sie sanft fortschlafen lassen, wenn er Gefahr für ihre Seelen erblickt? Oder ist er ihnen nicht vielmehr schuldig, sie in liebevollem Ernste zu warnen? Statt daher über P. Keyl lieblos zu urtheilen, hätte doch wohl zuvörderst gefragt werden sollen: hat der Mann mit oder ohne Grund getadelt, ist er, oder die Agende im Irrthum? Dies sei genug. Schreiber dieser Zeilen ist sich keiner feindseligen Gesinnung gegen Hrn. Nollau bewußt, sondern wünscht ihm vielmehr von unserm hochgelobten Heilande alle Gnade und Segen, insbesondere aber, das Licht und die Kraft des heiligen Geistes, die es allein möglich machen, die Wichtigkeit der vollständigen göttlichen Wahrheit zu erkennen und zu bekennen. Perry Co., 17. Juli, 1845. J. N. Wer ist bekehrt? (Aus P. D. Burk's Buch von der Rechtfertigung. Stuttgardt. 1764.) Die heil. Schrift benennt das Werk Gottes in unserer Seele auf vielerlei Weise, und meint doch einerlei Sache. So liefen zum Exempel folgende gangbarste Benennungen dieses Werks der Gnade im A. u. N. T. auf Eins (nicht als wenn sie alle ganz dasselbe oder gleichbedeutend wären, sondern insofern als durch ein jegliches allemal das Ganze, und eben das Ziel angedeutet wird, zu welchem eine Seele gelanget sein muß, wenn sie vor Gott als bekehrt und gläubig gelten soll) hinaus: „Sich bekehren, umwenden, bessern; sich beschneiden: Furcht Gottes; sich mit Gott verloben; gerechtfertigt werden; Vergebung der Sünden haben; ein Jünger JEsu sein und ihm nachfolgen; glauben; ein Kind Gottes, wiedergeboren und gezeugt werden durch das Wort der Wahrheit; in Christo sein; den Vater kennen, JEsum erkennen, annehmen; Gemeinschaft haben mit dem Vater und Sohn;“ u. so mehr. Siehet man nun diese Ausdrücke im Zusammenhang an, ja auch in der Anwendung auf die Personen, denen sie wirklich von dem heil. Geist selbst beigelegt werden, (und zwar so, als wenn man sie ohne vorgefaßte Meinung das erste mal hörte oder läse,) so scheint es nicht, als wenn die Schrift alle diese Wahrheiten so hoch setzte, oder in der Anwendung derselben auf einzelne Personen so sparsam oder bedenklich oder schwierig wäre, als die Christen und Seelsorger heutzutage fast durchgehends, wenn sie so vieles voraussetzen, ehe sie einer Seele eingestehen, sie sei bekehrt, wiedergeboren, ein Kind Gottes, habe Vergebung der Sünden, oder den Erstling des Geistes.*) Zum Exempel Joh. 1. wird die Bekehrung der fünf ersten Jünger des HErrn beschrieben. Da war auf Seiten des HErrn JEsu der Ruf: „Folge mir nach,“ auf Seiten der Berufenen 1. ein aufrichtiges Herz ohne Falsch, V. 47., und 2. ein schleuniges Annehmen des Heilandes, V. 40. Und das war dem heil. Geist genug, der die Herzen forschet, sie für Jünger (2, 11.) und für Kinder Gottes, die von Gott geboren sind, weil sie ihn aufgenommen haben (1, 11-13.), zu erklären: dem Heiland selbst aber, ihnen zu bezeugen, „du glaubest“ (1, 50.), und sie nun erst des Weitern von ihrem Herzen und seiner Person und seinem Reiche zu belehren. V. 50. 2, 11. ff. Ebenso findet sich's bei Matthäo (9, 9. 21, 28-32.), bei Zachäo (Luc. 19, 5-10.), bei dem verlornen Sohn, der in sich schlug, umkehrte, und angenommen wurde (15, 17-23.), item, bei den Neubekehrten am Pfingsttage, denen das Wort Petri durch's Herz ging (Apg. 2, 37.) und die es schleunig annahmen, V. 41. Hieraus folgt: Wem das Wort Gottes sein Herz durchsticht und ihn bewegt, daß er nun JEsum aufrichtig und mit ganzem Herzen, wie ein Kranker den Arzt, so viel er für den ersten Anfang an sich erkennt, annimmt, und sich nun von ihm will leiten lassen, der ist ein Jünger oder Lehrling JEsu, ein Kind der Weisheit, Spr. 2, 1 ff., und Gottes selbst. Er hat das Leben, denn er hat den Sohn Gottes. 1 Joh. 5, 11. 12. Solche würden für tüchtig erkannt, zur Taufe zugelassen zu werden. Apg. 2, 38. 41. Matth. 3, 5. 6. — Wollte man sich's mit einem heutzutage unter den besseren Seelen gangbaren Begriff vorstellen, so möchte es ziemlich mit dem Begriff eines „Erweckten“ übereinkommen (insofern man denselbigen gemeiniglich von einem Bekehrten oder von einem, der Vergebung der Sünden hat, zu unterscheiden bemüht ist). Es kommt auf die Probe an, ob dieser unparteiische und leidsame Begriff von der Bekehrung nicht durch *) Mußte schon zu seiner Zeit Burk so klagen, wie viel mehr muß man es jetzt! Wie viel selbsterwählte Lasten legen z. B. die Methodisten den Seelen jetzt häufig auf! Wie unverantwortlich verwegen sprechen diese vielen den Gnadenstand ab, die noch nicht alles erfahren haben, was sie als nöthig zu einer gründlichen Bekehrung sich haben träumen lassen und fest gesetzt haben! Luc. 11, 43. und 52. — Wir reden von der Praxis. A. d. H.