# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 08 03_S203 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) losſprechen oder abſolviren, ſondern das Herz mit der Eigenſchaft einer inwohnenden Gerech⸗ tigkeit ausſchmücken. Und mit dieſem Sturm⸗ bock und Mauerbrecher meint er die ganze Lehre von der Zurechnung der Gerechtigkeit zu ſtürmen und zu Boden zu ſtoßen. Wir müſſen alſo ſe— ben, mit was für Beiſpielen, und wie gewiß und feſt er dieſes beweiſ't. In die erſte Schlacht⸗ neihe ſtellt er ein Zeugniß aus Sirach 1, 18.: Gottesfurcht oder Frömmigkeit macht das Herz gerecht (pietas justificat cor), und in der alten läteiniſchen Bibel Cvulgata) findet ſich wirklich ͤeſe Überſetzung; aber Sirach in ſeiner Sprache (der griechiſchen) hat dieſen Ausdruck dort nicht. Es möge aber der Leſer hier dieſes wahrnehmen, kovon wir auch früher ſchon geredet haben, näm⸗ lih: warum die Tridentiniſche.Synode beſchloſ⸗ en und geboten habe, daß die alte lateiniſche berſetzung der Bibel, Vulgata genannt, gänz⸗ lch und durchaus für eine authentiſche gehal⸗ n werden ſolle. Denn was Sirach nicht ge— ſchrieben hat, ſondern anderswoher in den Con⸗ rt eingeſchlichen iſt, das führt Andradius als authentiſch an, (als von gleicher Geltung und „Autorität mit dem urſprünglichen Tert) um die Grrechtigkeit des Glaubens zu untergraben und zu ſtürzen. Er übergeht aber, was Sirach ſel⸗ ber in jenem erſten Capitel geſchrieben hat: Un⸗ gttechter Zorn kann nicht gerechtfertigt werden, d.i. nicht von Schuld freigeſprochen werden. — 3u verwundern iſt, daß er nicht auch noch das ngrführt hat, daß in der Vulgata Pſ. 73, 13. ſeht: Umſonſt habe ich alſo mein Herz gerecht⸗ ſertigt (justificavi), wo aber im Hebräiſchen ein ganz anderes Wort ſteht. — Aber aus dem npofryphiſchen Buche Sirachs führt er noch eine udere Stelle an von gleichen Werth und Be— Beiskraft: Aus der Offenbarung Johannis führt zur Beſtätigung ſeiner Behauptung die Worte ius Cap. 22, 11. an: Wer fromm iſt, ſei im. uerhin fromm, und wer heilig iſt, ſei immerhin heligz nach der Vulgata: Qui justus est, justi- ſeetur adhuc ete. Aber hierauf iſt die Ant⸗ vort leicht: Andradius kämpft ja für die Mei⸗ mung, nach welcherRechtfertigung undHeiligung Eins und dasſelbe ſein ſoll; und dieſe Mei⸗ nung will er aus jenem Spruch Johannis beſtä⸗ lizen: aber gerade hier unterſcheidet Johannes, vie auch Paulus 1 Cor. 6. ausdrücklich die Recht⸗ ſetigung von der Heiligung. Der Leſer ſieht Iſe, wie die Beweiſe des Andradius beſchaffen ſud. Denn keineswegs iſt das wider uns, daß hier geſagt iſt: Wer fromm iſt, ſei immerhin ſonm, wörtlich: wer gerecht macht oder gerecht— frrigt iſt' werde immerhin gerechtfertigt, da doch die Vergebung der Sünden etwas vollkommenes ind Ganzes, Nichts Getheiltes oder Geſtücktes it; denn es wohnet auch im Fleiſch der Gerecht⸗ ſtrtigten noch Süude, welche ſie oft gefangen nimmt, daß ſie noch mannigfaltig ſtraucheln. Co nie nun die, welchen die Sünden vergeben ſnd, dennoch täglich bitten: Vergib uns unſere Schulden: ebenſo wird auch der, welcher gerecht iſ, noch immerhin gerecht. Denn immerwäh⸗ und ergehet in dieſem Leben die apoſtoliſche „Belſhaft: Laſſet euch verſöhnen mit Gott. Mit — 203 — dieſen Zeugniſſen alſo hat Andradius jene Be⸗ deutung des Wortes rechtfertigen, die er als der Advocat des Tridentiniſchen Concils gegen die Lehren unſerer Kirchen zu vertheidigen übernom⸗ men hat, noch keinesweges bewieſen, wie ein jeder Leſer ſelbſt urtheilen kann. Denn daß er den Spruch im Jeſaias: durch ſein Erkenntniß wird er Viele gerecht machen, mit Gewalt dahin zwängt und verdreht, iſt eine große Unverſchämt⸗ heit: denn dort wird ſogleich die Erklärung bei⸗ gefügt, wie jene Nechtfertigung zu verſtehen ſei, „denn er trägt ihre Sünden“: wie Lucas 1. Zacharias in ſeinem Lobgeſang: zu geben Er— kenntniß des Heils, welches iſt in Vergebung der Sünden. Feſt ſteht alſo noch Alles, was ich gegen die Jeſuiten von der eigentlichen und wahren Bedeutung des Wortes rechtfertigen im Artikel von der Rechtfertigung geſagt habe. Ich wiederhole aber hier, was oben geſagt iſt: daß die Frage hier nicht ſei, ob die Erneuerung zu den Wohlthaten Chriſti gehöre; ob ein Menſch, wenn er mit Gott verſöhnt wird, auch zugleich durch den heiligen Geiſt erneuert werde; ob der neue Gehorſam folgen müſſe; denn das Alles lehren wir klar und deutlich: ſondern das iſt die Frage: wie und wodurch wir gerechtfertigt wer⸗ den, daß wir von Gott zu Gnaden und zum ewigen Leben auf- und angenommen werden. Dieſe Punkte müſſen immer und aufs Neue wiederholt werden, daß ſie uns dieſen Streit und Handlung nicht verdrehen können, als ob wir die Erneuerung ſelbſt an ihrer Stelle und in ihrer Ordnung läugneten. Weitere Betrachtungen hierüber. Hier wird nämlich von der Rechtfertigung ge— handelt, wie ſie nach der heiligen Schrift im ge— richtlichen Verſtande genommen wird: da Gott, als der Richter, einem wegen ſeiner Sün— den verklagten Menſchen (der aber mit bußfer⸗ tigem und gläubigem Herzen zu Chriſto, dem Gnadenſtuhl, Zuflucht nimmt,) — die Gerech— tigkeit ſeines Sohnes zurechnet, und um deß⸗ willen ſeine Sünden nicht zurechnet, ſondern ihn in ſeinem Gericht von allen Sünden völlig ab⸗ ſolviret und losſpricht. Dabei ſehen wir aber nicht nur auf den Aet der Rechtfertigung im göttlichen Gericht, auf das, was im Gericht Gottes geſchiehet; ſondern auch auf das, was im Herzen und Gewiſſen vorgehet; weil doch Gott Keinen in ſeinem Gericht rechtfertigt oder gerecht macht, viel weniger im Gewiſſen der er— langten Rechtfertigung und Vergebung der Sün— den verſichert, in dem er nicht zuvor Buße und Glauben gewirket habe, ob es zuerſt auch nur in kleinem Maaße wäre. Und da ſind folgende Hauptpunkte zu bemerken, welche bei der Recht— fertigung vorkommen, und im Herzen eines bußfertigen Sünders, obwohl in verſchiedenem Maaß, erfahren werden: Zuerſt überführt der heilige Geiſt den Menſchen durch ſein Strafamt vermittelſt des Wortes Gottes ſeiner vielen Sün⸗ den und Uebertretungen, und zeigt ihm, daß zwiſchen ihm und andern, auch groben Sün— dern, nach der Natur, gar kein Unterſchied, ſon⸗ dern er auch in Sünden ſei, ut.d des Nuhmes, den er vor Gott haben ſolle, der göttlichen Herr⸗ lichkeit, der in Adam anerſchaffenen Gerechtig⸗ keit, oder des Ebenbildes Gottes ermangle. Darum heißt es in den gedachten Worten: es iſt hier kein Unterſchied; ſie ſind allzumal Sün⸗ der, und mangeln des Ruhms, den ſie vor Gott haben ſollten. Hierüber ſagt Luther in der Randgloſſe: „Merke, dieß, da er ſaget: „ſie ſind allzumal Sünder,“ iſt das Hauptſtück und der Mittelplatz dieſer Epiſtel und der ganzen Schrift, nämlich, daß Alles Sünde iſt, was nicht durch das Blut Chriſti erlöſet, im Glau⸗ ben gerecht wird. Darum faſſe dieſen Tert hie wohl; denn hier liegt darnieder Aller Werk, Verdienſt und Ruhm, wie er ſelbſt hier ſagt, und bleibet allein lauter Gottes Gnade nud Ehre.“ Der Menſch nun, der gerechtfertigt wird, iſt zuerſt anzuſehen, als ein Verklagter: denn ſonſt, wenn er nicht verklagt wäre, brauch⸗ te er nicht gerechtfertigt oder abſolvirt zu werden. Er iſt ein Sünder und Uebertreter aller Gebote Gottes; und eben wegen ſolcher ſeiner Sünde und Uebertretung wird er in ſeinem Gewiſſen vor Gottes Gericht geſtellt und verklagt. Der Richter iſt Gott ſelpſt, gegen den er ſich eben verſündigt, und der Macht hat, ihn zu verdam⸗ men oder loszuſprechen. Dieſer unſer Gott und Richter aber iſt bei dieſem Gericht zwar als ein gerechter, doch nicht mehr als ein zorniger Rich— ter gegen uns anzuſehen; ſondern ſo, wie er durch Chriſtum mit uns ſchon verſöhnet iſt, und lauter Gedanken des Friedens über uns hat; wie ihm durch Chriſtum ſchon für alle unſere Schuld genug geſchehen, und Alles bezahlet worden. Alſo iſt es kein Zorn-, ſon⸗ dern Gnadengericht, vor welches wir gefordert werden; welches nämlich auf kein Strafen, Verwerfen und Verdammen, ſondern auf lauter Vergeben, Abſolviren, und Begna⸗ digen ſeine Abſicht hat. Daher wir uns gar nicht vor dem Proceß der Rechtfertigung zu fürch— ten haben, ſondern froh ſein können, wenn der Herr uns in unſerm Gewiſſen recht aufweckt und hineinführt. Wir werden durch Chriſtum, unſern Advocaten, bei einem ſo gnädigen und ſchon verſöbnten Richter den Proceß wohl ge— winnen. Doch muß bei dieſem heiligen Gericht Alles richtig nach Urtheil und Recht hergehen; indem Gott nicht einen jeglichen Menſchen, ſondern nur einen wahrhaft Bußfertigen und— Gläubigen gerecht macht. Denn die Rechtfer— tigung gibt keinem ſichern Sünder einen Frei⸗ brief, ungeſtraft immer fort zu ſündigen. Die in der Rechtfertigung erlangte Gerechtigkeit iſt nicht ein ſolches Kleid, welches bei einem Un— bußfertigen alle ſeine beharrlichen und muthwil⸗ ligen Sünden bedecket, wie die Welt meinet; ſondern es wird nur ein armer, leidtragender, gnadenhungriger Sünder damit bekleidet, wel⸗ cher ſowohl den befleckten Rock des Fleiſches, als auch ſeine eigene Gerechtigkeit ausziehet, und, wie gerechtfertigt, alſo auch zugleich wiederge⸗ boren und i manderer Menſch wird. Auf das alte, fleiſchliche, ungebrochene, ſteinerne Herz läßt ſich das Oel und der Balſam des göttlichen Troſtes von der Vergebung der Sünden und