# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 08 03_S202 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) — — — DS * tigung ſelbſt. Denn die Hauptfrage und der Hauptpunkt in dieſem Streit iſt dieſer: — „Was nämlich das ſei, um deſſen willen Gott den Sünder zu Gnaden annehme; was man dem Gericht Gottes entgegenſtellen müſſe und könne, daß man nicht von dem ſtrengen Urtheil des Geſetzes verdammt werde; was der Glaube ergreifen und herzubringen müſſe; worauf erſich ſtützen müſſe, wenn er mit Gott handeln will, daß er Vergebung der Sünden erlange; was dazwiſchen kommen und vermitteln müſſe, daß Gott um deſſelben willen dem Sünder, wel⸗ cher Zorn und ewige Verdamniß verdient hat, verſöhnt und gnädig werde; wovon das Gewiſ⸗ ſen feſt und gewißlich glauben müſſe, daß um deſſelben willen uns die Kindſchaft geſchenkt werde; worauf man ſicher und gewiß die Zuver— ſicht ſetzen könne, daß wir um deſſelben willen zum ewigem Leben angenommen werden ꝛc. Ob daſſelbe ſei die Genugthuung, Gehorſam und Verdienſt unſeres Mitilers, des Sohnes Got— tes; oder aber das in uns angefangene neue Leben, Liebe, und übrigen Tugenden in uns. Das iſt der eigentliche Hauptpunkt jenes Lehr⸗ ſtreites, der ſo gefliſſentlich und ſo liſtig in den Tridentiniſchen Deereten verdeckt und verſteckt wird; und daß ich ihn mit mehrern Worten ein⸗ fältig und deutlich erklärt und auseinanderge O ſeßt habe, habe ich deßwegen gethan, daß der Leſer ſehen möge, es ſei kein bloßer Wortſtreit, ſondern eine ſehr wichtige und für die Gewiſſen ganz nothwendige Sache, welche in dieſem Ar— tikel in Streit ſteht. Und wenn auf dieſen einen Hauptpunkt als einigen Zweck alle Abhan dlun— gen in dieſem Artikel bezogen werden, dann wird Alles viel deutlicher werden. Da die vorhin aufgeſtellten Fragen mit dem Worte rechtfertigen aufs Genauſte verknüpft und verwickelt ſind, ſo kann der wahre Sinn und die rechte Lehre von der Nechtfertigung aus 9 der eigentlichen und wahren Bedeutung jenes Wortes aufs Beſte erklärt werden. Von dem Worte Rechtfertigung. Die vorhin aufgeſtellten Fragen ſind mit dem Werte rechtfertigen ſo genau verknüpft ja gleichſam in dieſes Wort eingewickelt, daß welcher Sache auch die Rechtfertigung des Glau⸗ bens zugeſchrieben werde, oder von ihr geſagt werde, daß ſie uns rechtfertige: ſogleich von ſelbſt daraus folgt, daß dieſes das Ding ſei um deſſen willen wir von Gott zu Gnaden an⸗ genommen werden; daß dieſes Ding der Glau— be dem Gericht Gottes entgegenſtellen müſſe, daß die Perſon nicht verdammt werde; daß um dieſes Dinges willen Gott uns wieder gnädig werde, die Kindſchaft ſchenke und zum ewigen Leben aufnehme. Und das iſt in ſolchem Grade gewiß und offenbar, daß auch die Tridentini⸗ ſchen Herren ſagen: „Rechtfertigung ſei eine Verſetzung aus demjenigen Stande, in welchem der Menſchein! Kind des Zornes geboren wird, in/ den Stand der Gnade und Kind⸗ ſchaft.“ und daß ſie ferner ſagen: die Beſchrei⸗ bung der Rechtferſigung ſei gegeben in jenem Spruch Pauli Coloſſ. 1. Er hat uns errettet 7 * von der Obrigkeit⸗der Finſterniß, und verſetzet in das Reich ſeines lieben Sohnes; an welchem wir haben die Erlöſung durch ſein Blut, näm⸗ lich die Vergebung der Sünden. Der Leſer ſieht, daß ſie ſelber auf die wahre Bedeutung des Wortes rechtfertigen nicht undeutlich an— ſpielen; aber bald nachher, wo's zur Sache ſelbſt kommt, daß erklärt werden ſoll, was Recht fertigung des Sünders ſei, da bedeutet ihnen rechtfertigen nichts Anders, als daß dem Men⸗ ſchen durch den Geiſt der Erneuerung ein Habi— tus oder eine innerlich haftende Eigenſchaft der Gerechtigkeit eingegoſſen werde. Und zwar. daß ein neues Leben in den Gläubigen durch den heiligen Geiſt angefangen werde, das lehren auch wir: aber wir ſagen, das wir durch dieſes neue Leben nicht vor Gott gerechtfertigt werden; das iſt, daß unſer neues Leben nicht diejenige Sache ſei, um deren willen wir zu Gnaden an— genom men werden und Vergebung der Sünden erlangen; auch nicht dasjenige Ding ſei, worauf der Glaube ſich ſtützen ſolle, wenn er mit Gott handelt, daß wir zu Kindern und zum ewigen Le— ben an- und aufgenommen werden. Es ſind alſo die Tridentiniſchen Decrete von der Rechtferti⸗ gung aus ſehr viel- und mannigfaltigem Trug zuſammengeſetzt, wie wir bis jetzt gezeigt haben Offenbar iſt aber aus dem, was wir bis jetzt. geſagt und dargethan haben, daß ver wahre Sinn der Schrift über Rechtfertigung nicht be— quemer und angemeſſener erklärt, verſtanden und erhalten werden könne, noch auch die entgegen— ſtehenden Verderbniſſe und Fälſchungen richti⸗ ger, deutlicher und treffender widerlegt werden können, als aus der eigenthümlichen, und wah— ren Bedeutung des Wortes rechtfertigen (nämlich im Hebräiſchen und Griechiſchen der heil. Schrift beſonders). Auch wiſſen die Pa⸗ piſten das wohl; denn wo ſie ja einmal der ei⸗ genthümlichen Bedeutung des Wortes im Hebrä— iſchen Erwähnung thun, ſo berühren ſie dieſelbe nur ſehr flüchtig, leicht und oberflächlich. WDenn ihrem Vorhaben iſt es angemeſſener und zuträg⸗ licher, wenn ſie die Analogie und Rhnlichteit der lateiniſchen Wortbildung und Zuſammenſetzung mißbrauchen können; daß, ſo wie Sanetificare, d. i. heiligen, ſo viel heißt, als heilig machen; ſolle, als gerecht machen. Denn auf dieſe Weiſe können ſie ſogleich den Begriff der Rechtfertigung auf innerlich haftende und inwohnende Eigen⸗ ſchaften hinüberlenken. Wir werden alſo einiges Wenige darüber anmerken, welches in dieſem Artikel die eigentliche und wahre Bedeutung des Wortes rechtfertigen ſei; und das ſoll alſo ge— ſchehen, daß zugleich gezeigt werde, daß die Schrift die Rechtfertigung vor Gott zur Vergebung der Sünden und ewigem Leben benehme und ab— ſpreche unſern Tugenden, neuen Eigenſchaften und Werken, ſolche vielmehr zuſchreibe und bei⸗ lege, der Genugthuung, Gehorſam und Ver⸗ dienſt unſeres Mittlers, des Sohnes Gottes. Nachher werden wir zeigen, daß das Tridenti⸗ niſche Concil diejenige Lehre verdamme, welche gerade die eigentliche und beſtändige Lehre aller ſo auch justificare, rechtfertigen, ſo viel heißen man insgemein redet) Brauch und Bedeutung Angſtlich ſucht er unterſchiebe eine ganz andere und fremdartige Lehre, die mit der Schrift offenbar ſtreitet. Es behaupten aber die Papiſten ſchlechterdings! und geradezu, das Wort rechtfertigen bedeute eine ſolche Veränderung und Übergang von der Ungerechtigkeit zur Gerechtigkeit, wie wenn in phyſiſchen Bewegungen, Übergängen und Ver⸗ änserungen eine Eigenſchaft vertrieben und ge⸗ tilgt, und eine andere eingeführt wird. Denn das ſei die Meinung und Bedeutung der Bil⸗ dung und Zuſammenſetzung des lateiniſchen Wortes justificare, gerecht machen, wie ſie ſei in den Worten sanctifßcare, heilig machen vivificare, lebendig machen, calefacere, warm machen, krigefacere, kalt machen, u. ſ. w. Und zwar weiß ich wohl, daß die Bäter das Won justilicare, rechtfertigen, oft in dieſer Bedeun⸗ tung brauchen: aber hier iſt die Rede von dem richtigen Gebrauch und eigentlichen Bedeutung des Wortes in den betreffenden Sprachen. NR4 der lateiniſchen Sprache nun, bei bewährten Autoren (die ein reines und gutes Latein ſchrie— ben), weiß ich nicht, ob ein einziges Beiſpiel, einer einzigen Stelle vorhanden iſt, daß das 1 Wort justificare, (rechtfertigen) bedeute, ent⸗ weder Jemand einen Habitus, d. i. eine Fähigs keit und Fertigkeit, nebſt einer Reigung zu Et⸗; was, einflößen, oder die Eigenſchaft der Gere⸗ tigkeit eingießen. Ich habe dieſes früher den Jeſuiten vorgelegt, und ſie aufgefordert, daß ſie / weil ſie ſich auf die Analogie der lateiniſchen Zuſammenſetzung ſtützen, ein Beiſpiel aus den⸗ jenigen Autoren anführen möchten, aus denen 1 Brauch und Bedeutung der lateiniſchen Spra⸗ che erwieſen wird. Aber ihr Advocat Andradi⸗ us, nachdem er ängſtlich Alles zuſammengeſucht«! hat, kann Nichts dergleichen zum Borſcheil bringen. In der griechiſchen gemeinen Sprache hat das Wort dikaioun, rechtfertigen, zwei Bedeutun⸗ gen: erſtlich bedeutet es, Etwas für gerecht hal⸗ ten oder erklären (hier folgen bei Chemnitz eine Anzahl Beiſpiele aus griechiſchen Autoren, die die angegebene Bedeutung beſtätigen); zwei⸗ tens bedeutet es Einen die Todesſtrafe anthun, supplicio afficere, (wie man auch im Deutſch.n.! ſagt: Einem ſein Recht anthun) und beſon⸗ ders, wenn nach öffentlichem, gerichtlichem Ver⸗ hör Einer nach Rechtsſpruch und Urtheil geſtraft! und abgethan, und ihm alſo ſein Recht angethan wird. Und von dieſer Bedentung des Wortes“ finden ſich allenthalben Beiſpiele bei den griechi⸗ ſchen Schriftſtellern. Bei den heidniſchen Au⸗ toren der griechiſchen Sprache kommt alſo das Wort dikaioun, (rechtfertigen) in der Bedeu⸗ tung, für welche die Papiſten kämpfen, gar nicht! vor. Es iſt alſo noch übrig, Brauch und Be⸗ deutung dieſes Wortes in der heiligen Sprache (nriechiſchen und hebräiſchen) zu betrachten⸗ Da iſt nun der gerichtliche oder juriſtiſche (wir dieſes Wortes ſo offenbar und ausgemacht, daß⸗ es auch Andradius nicht zu läugnen waͤgt!⸗ Beiſpiele zuſammen, um 11 beweiſen, daß in vielen Stellen der Schrift das⸗ Propheten und Apoſtel iſt; und an deren Statt Wort rechtfertigen nicht bedeute von Sün 21