# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 07 20_S199 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) klenden ließ, lautet nun, aus dem Lateiniſchen überſetzt, folgendermaßen: „Da Du bereits zweimal meine Meinung über die Vereinigung der Proteſtanten zu wiſſen be— gebrt haſt; will-ich es Dir aufrichtig anzeigen, und zwar ſo, daß ich mir dabei vorhalte, wie ich vielleicht nach wenigen Tagen vor dem gött— lichen Richterſtuhl in der ſchrecklichen Stunde des Todes werde davon Rechenſchaft geben müſſen. Du aber wirſt meine Aufrichtigkeit, der ich Dir alle Ehre und Achtung erweiſe und ſtets erwei⸗ ſen werde, wohl aufzunehmen wiſſen. Ich glaube nun, daß wir mit den Reformir⸗ ten in eine und dieſelbe Kirchengemeinſchaft nicht zuſammentreten können, bis ſie ihre Irrthümer, wenigſtens die vornehmſten, abgelegt haben,‚ venn wir nicht die Wahrheit unſerer Religion und die bürgerliche Sicherheit unſrer Nachkom-— nen ſchändlich verrathen wollen. Du erkennſt au, daß jene nicht geringe, ſon⸗ nern ſchwere Irrthümer hegen, und daß ſie nicht einmal über dem Teſtament Chriſti mit uns ein⸗ kberſtanden ſein wollen. Zwar hat die verderbte Vernunft in dieſer Sache, was ſie, abgeſehen on der Verläumdung des Capernaismus, uns vorwerfen könnte; allein eben dasſelbe wird ſie nuch den Neformirten vorwerfen in der Lehre von der Dreieinigkeit und von der Perſon Chriſti. Er will ſagen: wie die Lehre vom heil. Abend⸗ nahl, ſo iſt ja auch die Lehre von der Perſon hriſti und der heil. Dreieinigkeit unendlich über die Begriffe der beſchränkten und verkehrten Ber⸗ nunft erhaben. Die Reformirten ſind ſich alſo ſehr inconſequent, wenn ſie in einem Artikel der Renunft ein Recht einräumen, was ſie ihr doch in andern nicht zulaſſen). Die rechte Vernunft aber, welche bekennt, daß ſie das wahre Weſen er Dinge, wie gering ſie auch ſeien, von Anbe⸗ inn der Welt nicht begriffen habe, ſondern ſich taran genügen laſſen müſſe, die äußerlichen zu⸗ ligen Formen zu bewundern; dieſe wird ihnen hinſichlich ihres Syſtems von den göttlichen Rathſchlüſſen mit Recht noch viel größere Vor— würfe machen, nämlich daß ſie faſt alle Vollkom⸗ nenheiten des allergütigſten Gottes angreifen. Daher haſt du wohlweislich niemals gelehrt, aß wir, um die Wahrheit zu lernen, mit ihnen einer Kirche verſchmolzen werden müßten. Ih will ſchweigen, daß die Reformirten nicht ein einziges gemeinſames Bekenntniß haben, und man deshalb gar nicht wiſſen kann, mit wem nan ſich eigentlich vereinigen ſolle. Das aber aben diejenigen meines Erachtens höchſt nöthig u wiſſen, welche nicht Willens ſind, ins eigne baus ſo viele Haupt⸗Streitigkeiten aufzuneh⸗ en, noch unter dem Namen der reformirten Religion unzähligen Socinianern und Armini⸗ anern, welche in der Engliſch-reformirten Kir⸗ geduldet und mit öffentlichen Kirchenämtern ttraut werden, die Bruderhand zu reichen. Auch kann nimmer die Hoffnung des Frie— ino, des Nutzens und der Sicherheit zu einer Einigkeit mit denen rathen, welche die verſchie⸗ enſten Meinungen hegen. Denn was meines anerns Dr. Rechenberg bei einem Frühſtück Leipzig den löblichſten König von Preußen, — 199— Friedrich I., auf deſſen Aufforderung, die Ver⸗ einigung der Proteſtanten befördern zu helfen, geantwortet hat; nämlich er fürchte, ein ſolcher Friedensvermittler werde aus zwei Kirchen vier machen; das fürchte auch ich, ſo lange die Grundfeſte der brüderlichen Liebe, nämlich auf⸗ richtige Anerkennung und Bekenntniß der Wahr⸗ heit bei den Reformirten in den wichtigſten Leh— ren vermißt wird. Ich bekenne und erfahre es täglich, daß die Seuche des Indifferentismus, von der die Politiker zum großen Theil durch und durch angeſteckt ſind, die Friedenshandlun⸗ gen bei weitem mehr erleichtere, als es ehedem der Fall war. Ob aber die Kunſt nichts zu glau⸗ ben dem Reiche Chriſti, treuere Dienſte thun werde, und ob es ſich ziemt, daß die, welche dem, der der Weg, die Wahrheit und das Leben iſt, folgen ſollen, den Frieden, welchen die Welt nicht geben kann, mit Hülfe menſchlicher Weis— heit, die nicht den Himmel, ſondern allein die Erde im Auge hat, erlangen wollen, das wirſt Du als ein in der heiligen Schrift ſo wohl Er— fahrener auch ohne mich zu beurtheilen wiſſen. Ich für meinen Thell will lieber für einen al⸗ bernen Menſchen gelten, der ſich in den Geiſt der Zeit nicht ſchicken kann, als aus der Gnade Chriſti fallen. Der römiſche Clerus hat eine ſolche Wuth, die den Proteſtanten nicht erlaubt, die politiſche Einigkeit zu vernachläſſigen; aber ich finde, daß zu deren Befeſtigung die Einig⸗ keit in der Religion wenig oder gar nichts thue. Denn wie der Spanier den löblichſten Kaiſer aus Sardinien hinausgeworfen hat, ſo würde auch Preußens König die Beſitznahme von Pom⸗ mern nicht unterlaſſen haben, wenn ſchon der Schwede ganz und gar der reformirten Religion zugethan geweſen wäre. Die meiſten Fürſten achten es ihrem Vortheil gemäß, die Vorwände zu ihren Handlungen von der Religion, die Ur⸗ ſachen aber anderswoher zu nehmen. Ich erkenne an, daß die Könige von England und Preußen, ſo wie auch andere Fürſten der Reformirten die gütigſten Geſinnungen gegen uns hegen, und werde es immer mit demüthig⸗ ſter Bezeugung eines dankbaren Herzens rüh⸗ men; von den Theologen jedoch, welche Calvins Meinung folgen, erwarte ich keine Sicherheit für unſere Kirche, ſondern vielmehr eine große Niederlage, die uns unter dem Vorwand einer Vereinigung deſto leichter zugefügt wird, je nachläſſiger wir ſind in Betrachtung der Ge— ſchichte früherer Zeiten. Mein Bruder! bei dem unſterblichen Gott frage ich dich, ob auf einem und demſelben Stuhl zwei ſitzen können? Wo auch immer im römiſchen Reich ein Reformirter ſitzt, da hat, wie Dir unverborgen iſt, der Evangeliſche den Platz räumen müſſen. Daß aber dieſer Grund⸗ ſatz von uns gegen die Päpſtlichen geltend ge⸗ macht worden ſei, iſt eine pure Verläumdung; da es bekannt iſt, wie im Anfang der Reforma⸗ tion die Deutſchen des Papſtthums überdrüßig waren, daß es faſt unnöthig war, jemanden zu vertreiben; indem die Fürſten und Untertha⸗ nen freiwillig die reinere Religion annahmen, aber dieienigen mit billiger Nachſicht trugen, die in dem alten Aberglauben beharren wollten. Die Reformirten dagegen, welche nach Seulteti Bericht im Jahr 1580, in welchem die Con⸗ cordienformel veröffentlicht worden iſt, im rö⸗ miſchen Reich nur 2 Kirchlein hatten, zu Bre⸗ men und Neuſtadt; ſiehe, wie viele Lehrſtühle der Evangeliſchen, wie viel Rathhäuſer, wie viele Höfe beſitzen und leiten ſie nun! Ich glaube nicht, daß Du von den Schmeicheleien gewiſſer Staatsleute ſo hingeriſſen biſt, daß du es für billig achten könnteſt, daß auf der ganzen Univerſität zu Frankfurt an der Oder kaum ei⸗ ner, und zwar ein Profeſſor der Rechte, von unſrer Religion geduldet wird. Die Kirche zum heil. Geiſt in Heidelberg, für deren Wieder⸗ erlangung der König von Dänemark und unſere Fürſten tapfer geſtritten haben, iſt uns von den Reformirten genommen, wie die öffentlichen Acten bezeugen; blos um der Urſache willen, weil Johann Caſimir, der Adminiſtrator der Pfalz, behauptete, es ſei ihm wegen des Be⸗ ſuchs des Hofs bequem. Unter welchem Vor⸗ wand uns bei unſern Lebzeiten die Domkirche zu Halle genommen worden iſt, weißt Du. Und verſtändige Leute dürfen nicht denken, daß die reformirten Theologen heute eine andere Ge— ſinnung oder eine größere Billigkeit angenom⸗ men hätten. Keineswegs. Als ich im verfloſ⸗ ſenen Jahr das Unglück der Reformirten zu Heidelberg (damals wurden nämlich die Refor⸗ mirten in der Pfalz von Seiten der Katholiſchen hart bedrückt) mit bittern Thränen beklagte, verſprach mir der berühmte Dr. Mieg, ſie woll⸗ ten ſich gegen die Lutheriſchen billig erweiſen. Aber niemals habe ich jene Theologen eifriger geſehen, ihre Säume groß zu machen, als ſeit jener Zeit. Während von ihren Vorfahren uns alles genommen iſt, iſt nicht das mindeſte wieder erſtattet worden. Mein theurer Bruder! Ich bitte dich um der Wunden unſres Heilan- des willen, daß du doch bedenken möchteſt, welch ein Wachsthum die reformirte Religion inner— halb weniger Jahre an eurem Hof gehabt hat, welch einen Fortgang ſie genommen und in der Folge nehmen wird? Was haben ſie euch zu⸗ gebracht, oder was werden ſie euch zubringen? Ob der Zuſtand Deines Vaterlandes unter den Statthaltern des fremden Glaubens blühender ſei, als er unter den Schwäbiſchen Männern war, die das ausgezeichnetſte Lob einer edlen Geſinnung und der größten Tugenden hatten, das gebührt nicht mir zu unterſuchen. Das aber weiß ich, daß die reformirten Theologen uns nichts, ſich aber viel geben wollen. Bedenke jenes Wort des Vegetius: Heuchleriſche Frie— densbündniſſe haben den Leichtgläubigen häufi⸗ ger geſchadet, als feindliche Waffen. Wenn ſie nichts anderes ſuchten, als Gemeinſchaft des Glaubens; wenn ſie dächten, wir irrten nicht im Grunde des Heils; ſo würden ſie es gewiß letzthin nicht verweigert haben, mit uns das Jubiläum (1717) zu feiern, welches ſie doch vor 100 Jahren thaten, als gar keine Hoff⸗ nung des Friedens vorhanden war. Ich glaube gern, daß Deine Rathſchläge von den Höfen mit großem Beifall aufgenommen werden. —.