# Der Lutheraner_Frankfurt am Main_Januar 1950_S8 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Seite 8 Januar 1950 Nummer 1 Für die Gemeinden der Ev.-Luth. Freikirche Aus dem Pfarrbezirk Hannover Wenn die Leser unseres „Lutheraner“ einmal einen Blick auf meine Karte von Niedersachsen werfen könnten, würden sie auf dem südöstlichen Teil über 40 rotunterstrichene Ortschaften finden. In diesen Orten wohnen die Glieder unseres Pfarrbezirkes, teils in Gemeinden, die regelmäßig bedient werden, teils in kleineren Predigtstationen zusammengefügt, teils aber auch einzeln. Diese werden in größeren Zeitabständen möglichst regelmäßig besucht und mit Wort und Sakrament versorgt. Das Gesamtbild im Pfarrbezirk Hannover hat sich seit der Vorkriegszeit geändert. Damals gehörte zu Hannover m. W. nur der Predigtort Braunschweig, der nur wenig Glieder zählte. Heute hat sich Braunschweig, wo unsere und altlutherische Glieder zu einer Gemeinde zusammenwachsen sollen, derart entwickelt, daß daran zu denken ist, dort einmal ein selbständiges Pfarramt zu gründen. Neu hinzugekommen sind zu der Gemeinde Angehörige der früheren Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen. Wir halten unsere Gottesdienste in der Domkapelle, einem schönen und würdigen Raum, der uns durch das freundliche Entgegenkommen der Landeskirche zur Benutzung überlassen ist. Aber wir täuschen uns nicht darüber, daß dies kein Dauerzustand sein kann, wenn das Gemeinschaftsleben gefördert werden soll. Die zahlreichen Ostvertriebenen unserer und der altlutherischen Kirche, die im Lande Braunschweig bis in den Harz hinein zerstreut wohnen, können nur wenig oder gar nicht Verbindung mit der Gemeinde in Braunschweig halten. Wir mußten daher versuchen, an verschiedenen, einigermaßen zentral gelegenen Orten Predigtplätze einzurichten, um ihnen die Möglichkeit zu bieten, an lutherisch-freikirchlichen Gottesdiensten teilzunehmen, damit sie ihrer Kirche nicht entfremdet würden. So bestehen jetzt Gemeinden und Predigtorte in Rhüden, Lautenthal, Osterode und Olxheim. In Lehrte und Völksen werden Bibelstunden gehalten. In Rhüden wohnte ursprünglich nur eine unserer Familien, die dort fleißig Zeugnis ablegte von dem, das ihr Herz bewegte und unsere Kirche will; jetzt versammelt sich dort eine ganz stattliche Schar, die „gerne hört und lernt“. Vor allem liegt uns bei unserer Arbeit die geistliche Versorgung unserer Glieder am Herzen, insbesondere auch der Unterricht der heranwachsenden Jugend; aber nicht zuletzt haben wir die uns von dem Herrn der Kirche befohlene Missionsarbeit im Auge, die von diesen jungen Gemeinden als Keimzelle geschehen soll und auch geschieht. Das besondere Augenmerk unserer lieben Leser müssen wir noch auf den südlichsten Teil unseres Bezirkes lenken; ich meine Göttingen und die dazu gehörenden Ortschaften im Solling und Eichsfeld. In dieser Gegend gab es bisher noch keine freikirchliche Gemeinde. Erst nach dem Kriege sammelte sich in Göttingen eine kleine Schar, die im Laufe der Zeit wuchs und sich schon bald genötigt sah, den bisherigen Wohnraum eines Hauses mit einem größeren Mietraum zu vertauschen. Dort werden jetzt dreiwöchentlich Gottesdienste und zwischendurch Bibelstunden und Unterricht gehalten. Seitdem in unserm Bezirk ein Hilfsprediger arbeitet, können wir unsere weitreichende Sämannsarbeit einigermaßen befriedigend tun, ohne andauernd von einem Ort zum andern hetzen zu müssen. Freilich, wir stehen immer noch vor mancherlei ungelösten Problemen; dazu gehört nicht zuletzt die Arbeit an der konfirmierten Jugend. Aber das ist weder bloß eine finanzielle, noch eine Zeit- oder Raumfrage allein, sondern sie hängt auch damit zusammen, daß wir es hier mit Gemeinden zu tun haben, die erst allmählich sich zusammenfügen, einander kennenlernen, Vertrauen zueinander gewinnen und eine echte Gemeinschaft miteinander bilden können. Es muß in viel Kleinarbeit an den einzelnen Orten gearbeitet werden; so nur werden wir damit rechnen dürfen, mit der Zeit Früchte reifen zu sehen. Es ist klar, daß wir die Werktage für unsere Bedienungsreisen mit zur Hilfe nehmen müssen; es besteht auch heute nicht mehr so sehr die Schwierigkeit, daß die Männer werktags nicht zum Gottesdienst kommen können; denn viele sind arbeitslos geworden und sind froh und dankbar, daß man sich um sie kümmert. * Wir können unsern Bericht nicht schließen, ohne noch ein Wort über die äußere Not unserer Flüchtlingsgemeinden im besonderen zu sagen. Es geht ja auch hier in den westlichen Zonen der großen Masse der Bevölkerung nur so, daß sie gerade mit ihren Mitteln soeben auskommt. Aber wenn wir das Leben unserer erwerbslosen Flüchtlinge sehen, die vielfach Wohlfahrtsempfänger sind, so wissen wir erst, was eigentlich Not ist. Es ist darüber schon viel gesagt und geschrieben worden; das ändert jedoch die Lage unserer Brüder und Schwestern nicht. Ich sage das, damit einmal recht ins Licht tritt, daß die meisten von ihnen wirkliche Opfer bringen, wenn sie auch nur wenige Groschen für die Straßenbahn oder ein paar Mark für eine Sonntagsrückfahrkarte ausgeben, um den Gottesdienst zu besuchen. Und wenn ihr, liebe Leser, erfahrt, daß gar mancher nicht selten mehr als 20 km zu Fuß zurücklegt, um Gottes Wort zu hören und an der Gemeinschaft der Christen teilzuhaben, so möchte das manchen gleichgültigen und saumseligen Christen in unserer Kirche tief beschämen, der die Kirche vor der Tür hat und dennoch nicht kommt. Die weitaus meisten unserer Glaubensbrüder und -schwestern in der Zerstreuung in Südhannover-Braunschweig werden durch die großen Nöte, welche sie nach innen und außen zu bestehen haben, nicht irre in ihrer Treue zur lutherischen Freikirche, zu der sie von Kindestagen an gehörten oder erst nach dem Kriege gefunden haben. Das Geschilderte ist nur ein Ausschnitt aus der Arbeit unserer Kirche, wie sie vielerorts geschieht, und ein Stück Leben, das um Gestalt ringt. Es ist mancherlei Erfreuliches und manches Unangenehme und sogar Schmerzliche, das gesagt werden mußte. Aber das alles ist nicht das Entscheidende, sondern vielmehr dieses, daß Menschen für Gottes Reich gewonnen werden und darin erhalten bleiben durch die Predigt des göttlichen Wortes und die Austeilung der heiligen Sakramente, wenn das auch unter viel Not und Enttäuschung geschehen muß. Und wenn nur ein Mensch gewonnen würde, so wäre das nach dem Wort unseres Heilands Mark. 8 mehr wert als alle Welt, aber auch mehr wert als unsere Arbeit, unsere Sorge und unsere Enttäuschung. Diese Gewißheit gibt Freudigkeit und Kraft zur Weiterarbeit; und diese Gewißheit sollte die Christen in unseren Gemeinden willig machen zur Fürbitte und zur Mitarbeit. Erich Heine, Pastor, Hannover. Das 70 jähr. Gemeindejubiläum der Freien Ev.-Luth. St. Matthäusgemeinde Brunsbrock. Am Sonntag, dem 6. November 1949, konnte die Freie Ev.-Luth. St. Matthäusgemeinde Brunsbrock durch Gottes Güte ihr 70-jähriges Bestehen feiern. Im Mittelpunkt des Festgottesdienstes, den Posaunenchor und Kinderchor der Gemeinde mit der musica sacra würdig umrahmten, stand die Predigt des Ortspastors über 1. Kor. 3, Vers 9 b: „Ihr seid Gottes Ackerwerk und Gottes Gebäu.“ Am frühen Nachmittag versammelten sich die Kinder der Gemeinde — etwa 75 — zu einem Gottesdienst, bei dem ihnen aus der Geschichte der Gemeinde mancherlei Wissenswertes gesagt wurde und sie aufgefordert wurden, in das Erbe ihrer Väter und Mütter mit Gottes Beistand recht hineinzuwachsen. Anschließend versammelte sich die ganze Gemeinde noch einmal im Gotteshaus, wo der Ortspastor manches aus der Entstehungszeit, dem Wachstum und der Entwicklung der Gemeinde bis zur neuesten Zeit erzählte und sie aufforderte, auch in Zukunft eine Stätte zu bleiben, wo Gottes Wort rein und lauter verkündet und die Sakramente nach Christi Einsetzung verwaltet werden. Gott der Herr schenke dazu seinen Segen! Sänger- und Posaunenchor verschönten mit ihren Weisen auch diese Feierstunde. Die Gemeindeversammlung, die zum Abschluß des Tages stattfand, hatte festlichen Charakter. Es schenke der treue Gott der Gemeinde noch viele solcher herrlichen Tage! Griesheimer Pastoralkonferenz des nördl. Bezirks. Die diesjährige Herbst-Pastoralkonferenz des nördlichen Bezirks fand am 25. und 26. Oktober in Brunsbrock statt. In vorbildlicher Weise hatte die Ortsgemeinde für die Unterbringung und Verpflegung der Konferenzteilnehmer gesorgt. Die Gemeindechöre hatten ihre Freude daran, zur Verschönerung des Konferenzgottesdienstes, mit anschließender Feier des Heiligen Abendmahls für alle Pastoren, beizutragen. Auf der Konferenz selbst wurden neben exegetischen Fragen, einer Arbeit über rechte und falsche Polemik, einer Katechese über das 7. Gebot und mancherlei Berichten, auch innerkirchliche Dinge ausführlich besprochen. So wurden diese Tage zu einer inneren Freude und Stärkung für alle Teilnehmer. Griesheimer Chorleitertagung des „Sängerbundes der Evangelisch-Luth. Freikirche im nördl. Bezirk“ in Wittingen. Die Chorleiter, Nachwuchsdirigenten und besonders interessierte Chormitglieder des nördlichen Bezirks sowie Gäste aus Süddeutschland und Hessen trafen sich in Wittingen. Pastor Reuter-Wittingen hielt ein Referat über die Aufgaben der Kirchenchöre. Er warnte die Chorleiter davor, nur einseitig nach erhöhten Leistungen der Chöre zu streben. Wie ein Hausbau verfehlt sei, bei dem nur immer höhere Wände ohne Fundament errichtet würden, so sei es auch um die Chorarbeit bestellt, wenn man vergißt, daß unsere ganze Zeit das Singen weitgehend verlernt hat. Von Bibel und Gesangbuch wurde der Christ hundertfach zum Singen aufgerufen, und erst, wenn im christlichen Hause täglich wieder Gesang aufklingt, lohne sich der Weiterbau in der Chorarbeit. Die Chorleiter faßten daraufhin eine Entschließung, in der alle Chöre aufgefordert werden, sich dafür verantwortlich zu fühlen und Schritte zu unternehmen, daß der Gemeindegesang gefördert, bei Hausandachten gesungen und das Singen der Kinder und Mütter wieder viel selbstverständlicher werde. In einer Abendveranstaltung bot der Wittinger Kirchenchor Proben aus seiner Arbeit, und alle Anwesenden erfreuten sich im gemeinsamen Singen von Volksliedsätzen, die Kantor Paul Kretzschmar für die Jugendarbeit in der Freikirche bereitgestellt hat. Kantor Kretzschmar hielt dann ein Referat, in dem er die vielfältigen Beziehungen zwischen Wort und Musik aufzeigte und forderte, daß alle Kirchenmusik im Dienst an der Gemeinde das Wort Gottes treibe, nur so würde ein Kirchenchor der Forderung Luthers gerecht, daß „die Noten den Text lebendig machen“. Der nächste Morgen vereinte die Chorleiter mit der Wittinger Gemeinde in einem feierlichen Gottesdienst, in welchem Pastor Reuter über die bekenntnismäßige Bindung der Kirchenmusik predigte. Die in diesem Gottesdienst dargebotenen Chöre führten die Chorleiter nach Wort und Musik in die rechte Haltung lutherischer Kirchenmusik ein. Nach geschäftlichen Besprechungen am Nachmittag und einem Referat von Lehrer Kayser-Uelzen lauschten dann bei der sich anschließenden Feierstunde in der Kirche die zahlreichen Zuhörer den mächtigen Klängen der Choräle aus Bachs Motette „Jesu, meine Freude“ in tiefer Ergriffenheit. Auch alle anderen Darbietungen bewiesen, daß selbst in kleinen Gemeinden eine kirchenmusikalische Arbeit getrieben werden kann, die dazu beiträgt, Gottes Lob zu verkünden. Beachtlich erschien auch, daß die neue Orgel mit ihren elf klingenden Stimmen außerordentlich zahlreiche Klangmöglichkeiten unter den Händen Kantor Kretzschmars entwickelte. Obwohl in dieser Feierstunde nur Musik erklang, wurde sie doch zu einem wirklichen Gottesdienst. — Den Abend verbrachten die auswärtigen Gäste mit ihren Gastgebern in einer geselligen Abendmusik mit Kammermusik und Gesang. Es war ein erhebender Schluß dieser Tagung, als alle Anwesenden Bachs Tonsatz zu „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ anstimmten. J. K. ┌─────────────────────────────────────────┐ Älteres Bauern-Ehepaar sucht Mädchen Flüchtlings- oder Waisenkind, Alter 16—20 Jahre (evtl. auch Flüchtlingsfrau), das in einem mittleren landwirtschaftlichen Betrieb arbeiten und auch in Küche und Haus zur Hand gehen kann. Zuschriften an: Herrn Lehrer G. Kräuse, (13a) Herreth/Ofr. üb. Lichtenfels, Schule. └─────────────────────────────────────────┘ Verlag: Lutheraner-Verlag G.m.b.H., Frankfurt/M., Taunusstraße 43. — Schriftleiter: Präses Heinrich Stallmann, (21b) Bochum IV, Gahlensche Str. 146. Druck: Maindruck, Frankfurt/M.-Fechenheim. — Erscheint monatlich. — Bezugspreis: Einzel-Nr. DM —.45, vierteljährlich 1.35, bei Postbezug zuzüglich Postzustellgebühr.