# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 09 06_S3 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 3 forderung zu besonnener Prüfung an die Deutschen in Nordamerica von Fried. Münch, Hermann, Mo., 1845, gedruckt bei Mühl und Strehly." Es würde diese Schrift wohl nimmermehr öffentlich von mir berücksichtigt worden sein, wenn nicht der Herausgeber des „Lutheraners" zu St. Louis mich versichert hätte, daß sie von Einfluß auf die religiöse Gesinnung unserer Landsleute in Nordamerica sei. Aufgefordert von meinem Freunde übernehme ich das undankbare Geschäft, an diesem Schriftchen das Haltlose und Unredliche des Rationalismus, der allem tiefern religiösen Sinn, noch ohne des Christenthums Erleuchtung gedacht, niemals genügen kann, in wenigen Zügen wiederum zu zeichnen.*) Obgleich von den begabtesten Männern früherer und späterer Zeiten ebendasselbe zur Genüge geschehen ist: so scheint es doch in unserer neuen Heimath allerdings nöthig zu sein, seine Stimme gegen obige Denkart zu erheben, auf je tieferer Stufe wissenschaftlicher Bildung die meisten Deutschen leider! hier zu Lande stehen und dabei den Einwirkungen gewissenloser Rationalisten preisgegeben sind. Das ist gewiß, das rechte Nachdenken über Religion muß allemal zu der sehnlichen Hoffnung und dem gewissen Glauben einer göttlichen Offenbarung führen; bei Keinem aber findet solches Statt, dessen Wille nicht zuvor geneigt ist, der Wahrheit offenes Ohr zu leihen; die Bosheit des Willens ist die Hauptursache, warum so Viele nicht zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Die Wahrheit ist eine Sache, die nicht bloß den Verstand erleuchtet, sondern auch zugleich den Willen bricht und ändert; und wer das Unheilige und das Widerstreben seines Willens erkennt, hat damit schon ein sicheres Merkmal, daß er vom Geiste der Wahrheit angefaßt ist und gezogen wird. Gebe der barmherzige Gott, daß vorliegende Blätter etwas zu der Heilung unserer verführten Landsleute beitragen! Das ist der innige Wunsch des Einsenders und der einzige Beweggrund, warum er gegen einen Unbekannten auftritt, mit welchem er sonst gewiß die Liebe zur wahren bürgerlichen und Gewissensfreiheit theilt. Nach einem die Aufmerksamkeit erregenden Eingange spricht Hr. Münch mit leichter Popularität zuerst von der Bibel und ihrer Auslegung im Allgemeinen und bemüht sich, die ihr zugeschriebene Göttlichkeit zu untergraben, als Hauptsache in derselben nur einige natürliche Wahrheiten annehmend; alsdann geht er insonderheit zum A. T. über und wiederholt namentlich den schon längst verunglückten Versuch, zwischen der Lehre Mosis und des HErrn JEsu (— nicht zwischen Gesetz und Evangelio —) zu unterscheiden; von da befleißigt er sich, die rationalistischen Freibeutereien gegen den *) Unter Rationalismus versteht man nämlich diejenige Lehre, nach welcher alle Religion, auch die christliche, Folge der natürlichen Entwickelung des menschlichen Geistes und darum alle vorgegebene außerordentliche Einwirkung Gottes auf die Offenbarung in der Natur und Vernunft zurückzuführen sei. Ein deutscher Doctor der Theologie erklärte es einstmals so: „Ein Rationalist ist, der da denkt, daß er glaubt, und glaubt, daß er denkt." Vergl. die angeführte Schrift Seite 16. Kanon und Text der neutestamentlichen heil. Bücher und nach moderner Auslegungskunst den wesentlichen Inhalt derselben summarisch anzugeben; woran er eine kurze Polemik gegen die evangelische Christologie, Dreieinigkeitslehre, die Lehre vom Verdienste JEsu, Erbsünde, freien Willen, bösen und guten Geistern, (— nach der famösen Accommodationstheorie —) Hölle, nicht ohne unordentliche Verfälschung, knüpft und endlich mit der Darstellung einer Quintessenz seiner Religionsansicht den Schluß macht. Das Fehlerhafte dieses Büchleins lege ich wahrhaftig nicht bloß dem Verfasser zur Last; ich greife auch nicht sowohl seine Person an, sondern die Sache, die er vertritt, seine Lehrer, denen er unwissend huldigt, die Richtung unserer ungläubigen Zeitgenossen, die giftigen Lästerungen gegen die Heiligthümer unseres christlichen Glaubens, welche sie ausschäumen und die wir, berufene Wächter auf den Zinnen des Gotteshauses, bei Verlust unserer eigenen Seligkeit im ernsten Streite melden sollen. Darum bitte ich von Grund des Herzens, dem bekennenden Freimuthe es zuzurechnen, wenn er sich von mir verletzt fühlen sollte; seine Seele ist mir so theuer geachtet, als die meinige; mich treibt die Liebe zu dem Glauben meiner heldenmüthigen Väter; deutsches Volksthum, deutsche Sitte, durch der Christen Tugend geheiligt, ist es, die allein im Kampfe gegen Lüge und Irrthum sich bewährt. Auch ich bestehe auf dem Rechte der Gewissen, niemals wider gegründete Ueberzeugung sich irgend eine Meinung aufdringen zu lassen; und Gott weiß es, wer die rechte christliche Lehre in Wort und Werk bezeugt, es sei in America oder im verlassenen Vaterlande, dem muß sie zur Gewissenssache geworden sein. Denn mit keinem Bekenntniß ist mehr Hinderniß, Armuth, Druck und Verfolgung verbunden. Die hämischen Ausfälle jenes Schriftchens (S. 3 zu Ende und fg., 14. 16. unten) treffen uns daher nicht. Da es meine Absicht nicht ist, allen den einzelnen flüchtigen Behauptungen, die aus der unverschämten Masse rationalistischer Lehrbücher fließen, die so kostbare Zeit zu widmen: so beschränke ich mich nur darauf, die Unhaltbarkeit der Principien, auf welche der Verfasser fußt, einfach zu entwickeln, weil dann nothwendiger Weise sein ganzes aufgeführtes Gebäude zusammen fallen und auch der lose Mörtel abbrechen muß. Der Verfasser, unter Wort Gottes ein Buch, worin von göttlichen Dingen die Rede ist, verstehend, unterwirft die Auslegung und das Verständniß der heiligen Schrift eingebildeten Schwierigkeiten, die gar nicht vorhanden sind. Es ist bei ihm nur darauf abgesehen, den Inhalt der Bibel verdächtig und lächerlich zu machen, was sich denn im nächst Folgenden ganz unverholen ergibt. Wenn wir nun bewiesen haben, daß eine richtige Auslegung und Verständniß nicht nur möglich, sondern auch wirklich ist, und hierauf das göttliche Ansehen der heil. Schrift und ihrer Geheimnisse im eigentlichen Sinne des Worts, so wie die Wunderkraft des allmächtigen Gottes, als den anstößigsten und doch zur Beweisung der göttlichen Lehre so nothwendigen Inhalt, gegen die Angriffe der frevelnden Ungläubigen gerettet: so werden alle scheinbaren Widersprüche in der heiligen Schrift von selbst, je sorgfältiger und gewissenhafter man der Wahrheit nachforscht, in die rechte Einheit sich auflösen. Es ist jedoch hierbei wohl zu beachten, daß alles das durcheinander geworfene Zeug, aus neuen Handbüchern in das kleine Werkchen zusammen geschrieben, bereits mit ungleich schärferem Verstand und Witz und ganz anderem Genie von einem Celsus, Lucian, Porphyrius, Libanius, Feinden der christlichen Religion aus den Heiden in uralter christlicher Vorzeit, gegen die göttliche Wahrheit vorgebracht, aber auch längst widerlegt worden ist, als es in den letzten zwei Jahrhunderten hat geschehen können. Was aber nur Unglaubwürdiges sich finden kann, das ist von den Gegnern gesammelt, um die Glaubwürdigkeit und den untrüglichen Charakter der heiligen Schriften zu bestreiten. Da die heiligen Bücher des A. und N. T. in Sprachen geschrieben sind, deren Kenntniß dem gelehrten Fleiße nicht unzugänglich ist, da die Verfasser derselben laut des starken, vollen Zeugnisses der Geschichte wirklich gelebt haben und man mit keinem sichern Grunde nachweisen kann, daß die ihnen beständig zugeschriebenen Werke nicht von ihnen herrührten,*) ebensowenig das unverfälschte Ansehen *) Würden denn wohl z. B. die Samaritaner, welche ebenfalls die fünf Bücher Mosis, deren Glaubenslehre in den übrigen Schriften A. T. nur erläutert wird, als echt und göttlich anerkannten, dieselben erst von einem Esra angenommen haben? Das wäre ja gerade so, als wenn (ich rede gleichnißweise —) die Evangelischen ihre Augsb. Confession von den Papisten hätten empfangen sollen; so groß war nehmlich die Uneinigkeit zwischen jenen und den Juden, welche der Ueberlieferung sich doch mit Recht rühmten. Wenn die fünf Bücher Mosis, ja auch noch andere Schriften, wie die rationalistische Weisheit lehrt, den Esra oder sonst einen Spätern zu Verfassern hätten: würden wohl die alten Juden, die schon vor der babylonischen Zerstörung lebten, sich nach ihrer Rückkehr aus der Gefangenschaft dieselben unter erdichtetem Namen haben aufdringen lassen? Und warum hätten denn die Samaritaner nicht auch die andern biblischen Bücher, wenn einmal Mosis Schriften, von Esra angenommen? Die ganze Schreibart des Pentateuchs (eben der fünf Bücher Mosis) weist auf das hohe Alterthum hin: ja Esra hätte wider alle Regeln wahrer Klugheit und seinen eigenen Vortheil gehandelt, wenn er aus alten Urkunden etwas zusammengedichtet und nicht die Urkunden selbst seinem Volke würde vorgelegt haben. Ist aber Moses der Verfasser (und wer sollte es anders sein können?) so ist er schon menschlich glaubwürdiger, als je ein anderer Schriftsteller des Alterthums, weil er alles genau wissen konnte, was er berichtete, wegen seiner Abstammung, und mit Treue wiedergeben wegen seiner amtlichen Würde und persönlichen Eigenschaften. Auf Moses sind die übrigen alttestamentlichen Schriften gebaut; aufs ganze A. T. selbst die Bücher des N. T., so daß der Pentateuch die Grundzüge der christlichen Religion enthält; sie hängen an einander und eins steht und fällt mit dem andern: ist das N. T. wahr, so ist es auch das ganze A. T.; denn Christus und seine Apostel fußen auf Moses und die Propheten und bestätigen sie. Daß sich aber die Verfasser mehrerer alttestamentlichen Schriften, (so auch des letzten Kapitels im Deuteronomion,) nicht genannt haben, kam unstreitig daher, weil ihre Reihenfolge es unnöthig machte und das Ansehn des berühmteren sie verdeckte; genug daß wir höchst wahrscheinliche Vermuthungen von ihnen haben können. Ueberhaupt steht die historische (geschichtliche) Gewißheit der heil. Bücher darin so hoch über der anderer Scribenten, weil wir 1) einstimmende Nachrichten von Freunden und Feinden über sie haben; 2) weil die Verfasser in ihren Werken solche Eigenschaften verrathen, die sie uns höchst ehrwürdig machen, als ihre sonderbare Redlichkeit und einfache Tugend, unparteiische, aufrichtige Gesinnung, Liebe