# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 06 10_S186 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) ö * frei, zu thun und zu leben, wie ſie wollen. Denn das Heil und die Erlöſung der Chriſten er⸗ klärte er auf eine gottesläſterliche Weiſe, näm⸗ lich, daß es eine Befreiung ſei von jener Knecht⸗ ſchaft, durch welche die Menſchen zu guten Tha⸗ ten nach dem Gebot Gottes verpflichtet wären, und ihnen nicht frei ſtünde, zu thun was ſie wollten. Das iſt ein bitterer und wahrhaft ein recht eigentlich ſataniſcher Hohn, durch welchen er die Lehre der Apoſtel von der Gerechtigkeit des Glaubens umſonſt, aus Gnaden, und von der chriſtlichen Freiheit verhöͤhnen und verſpotten, und frommen Herzen verdächtig und verhaßt machen wollte. Ernſtlich und von Herzen ent⸗ ſetzen wir uns auch vor der Gottesläſterung des Baſilides, welcher vorgegeben hat, wir werden alſo aus bloßer Gnade durch den Glauben ſelig, daß nun alle möglichen Handlungen einander pöllig gleich ſeien, und dieſelben ohne allen Un⸗ terſchied ſammt aller Luſtbegierde gehegt nnd verübt werden könnten. Wir verwerfen und verdammen auch die Lehre der Gnoſtiker, welche geſagt haben, ſie werden durch die bloße Er⸗ kenntniß ſelig; und wegen der Vorrrefflichkeit des Glaubens werden ſie ſo geiſtlich, daß ſie nicht aus der Gnade fallen können, ſie mögen verüben was ſie wollen. Wir bezeugen auch unſer großes Mißfallen über der Rede des Aetius und Eunomius, welche Auguſtin anführt: Dieſe ſollen nämlich in ſolchem Grade Feinde guter Sitten geweſen ſein, daß ſie verſichert ha⸗ ben: keinem könne weder die Verübung noch das Beharren in irgend einer Sünde eiwas ſchaden, wenn er ſich nur an den Glauben halte, den ſie lehrten. Dieſe Dinge habe ich zu dem Zwecke hier an⸗ geführt, daß rechtſchaffene, r redliche Männer, wo ſie auch ſein mögen, einſehen könnten, daß un⸗ ſere Kirchen auf eine ganz ungerechte Weiſe durch ſolche Verläumdungen geſchmähet werden, als ob wir die andere Wohlthat des Sohnes Gottes, nämlich die Erneuerung des Geiſtes verwürfen, und die Lehre von der Buße und vom neuen Ge⸗ horſam, von der Liebe und von guten Werken ſchlechterdings aus unſeren Kirchen ausſchlöſſen. Auch war es nöthig, dieſe Erklärung vorauszu⸗ ſchicken, damit der eigentliche Punct, um den ſichs in dieſem Streite dreht und handelt, und der von den Tridentinern ſo hinterliſtig und mit ſo großem Fleiß verdeckt und verſteckt wird, klar und deutlich angezeigt und aufgeſtellt werden könnte. Denn keineswegs iſt das die Frage; ob die Gläubigen, nachdem ſie Vergebung der Suünden durch den Glauben an Chriſtum em⸗ pfangen, auch im Geiſt ihres Gemüthes erneu⸗ ert werden? auch iſt nicht die Frage: ob auch die Erneuerung zu den Wohlthaten Chriſti ge⸗ höre? auch wird nicht darum geſtritten, ob in einem Menſchen Buße ſein müſſe und Reue, und ein guter Vorſatz, und ob die Liebe angefangen werden und gute Werke folgen müſſen? Denn das Alles bekennen und lehren wir ganz klar und veutlich, und treiben es auch fleißig in unſern Kirchen. Da nun dieſe Dinge ſich alſo verhal⸗ ten, ſo möge der Leſer bei ſich ſelbſt bedenken und überlegen, was das für ein elender, un⸗ E —186—— würdiger, ſchändlicher Kunſtariff und Kniff ſei, in einer ſo ernſten Sache, in einem ſo wichtigen Lehrſtreit mit ſophiſtiſchen, ja taſchenſpieleri⸗ ſchen Künſten, Schwänkungen, Verdrehungen und Ausflüchten zu ſpielen und den wahren Stand der Frage und des Streites zu verdun⸗ keln und zu verſtecken. Zeugniſſe, aus Lutheri Schriften, geſammelt von M. Martin Statius, evangel. Prediger zu St. Johann in Danzig, in ſeinem Lutherus redi⸗ vivus, (der wieder von den Todten erſtandene Luther); welche klarund augenſcheinlich beweiſen, daß die Vorwürfe und Beſchuldigungen der Papiſten gegen Luther und ſeine und ſeiner Glaubensgenoſſen Lehre nichts Anderes, als un verſchämte, boshafte Schmähungen und Ver⸗ läumdungen ſind. 1. Zeugniß. Nachweiſung, wenn der Glaube vor Gott gerecht macht, wo dann die Werke blei⸗ ben? Wir haben eine helle und beſtimmte Art und Weiſe, von der Gnade und von Vergebung der Sünde zu reden; weil wir die Werke und den Glauben rein und richtig unterſcheiden, und einem Jeden ſeine eigene Art und ſein Amt zu⸗ theilen, wodurch man in den Stand geſetzt wird, von allen andern Theilen und Lehren gewiß zu richten uud zu urtheilen. Wenn aber dieſer richtige Unterſchied nicht klar gehalten wird, ſo bleibt immer etwas von den Werken, welche dem Glauben helfen ſollen, mit eingemengt. Dieſes ſiehet nan an den Papiſten, unter welchen die Allerbeſten gelehrt haben, und noch lehren, daß dem Glauben die Werke oder die Liebe, Kraft und Geſtalt geben; wie ſie ſagen: der Glaube ſei geſtaltet, und die Liebe ſei die Geſtalt des Glaubens; und ſie führen gar herrlich den Spruch St. Pauli Gal. 5. an: In Chriſto gilt weder Beſchneidung noch Vorhaut etwas, ſon⸗ dern der Glaube, ſo durch die Liebe thätig iſt; ſie verſtehen darunter, daß der Glaube nicht vor den Werken, ſondern durch die Werke, Gnade und Seligkeit erwerbe; obgleich St. Paulus hier nicht davon redet, was der Glaube in ſei⸗ nem eigenen Werk ſei oder thue, (was er vor⸗ her durch die ganze Epiſtel deutlich und reichlich lehrt), auch nicht, was die Liebe ſei oder thue; ſondern ganz kurz zuſammenfaßt, was ein ganz ſchriſtliches Leben ſein ſolle, nämlich, Glaube und Liebe: Glaube gegen Gott, der Chriſtum ergreift, und Vergebung der Sünde ohne alle Werke bekommt; ſodann Liebe gegen den Näch⸗ ſten, welche, als des Glaubens Frucht, beweiſt, daß der Glaube recht, und nicht faul oder falſch, ſondern thätig und lebendig iſt. Darum ſagt er nicht, daß die Liebe thätig, ſondern daß der Glaube thätig ſei; daß der Glaube die Liebe übe und thätig mache, und nicht die Liebe den Glauben, wie es die Papiſten verkehren, und ſo der Liebe Alles und dem Glauben Nichts zu⸗ ſchreiben; während St. Paulus Alles dem Glauben zuſchreibt; als der nicht allein die Gnade von Gott empfängt, ſondern auch gegen den Nächſten thätig iſt, und die Liebe oder Werke hervorbringt und wirkt. Nun ſind ja auch alle Lehren, die uns auf Werke weiſen, gegen die Taufe; in der wir ohne Werke die Gnade em⸗ pfangen und ewig behalten ſollen, wie dieſe Lehre St. Paulus überall gewaltig treibt. 2. Zeugniß. Nicht allein der Glaube, ſondern auch die Werke werden von wahren Chriſten er⸗ fordert; daß dieſe Lehre nicht papiſtiſch und was der Unter⸗ ſchied zwiſchen Luther's und der Papiſten Lehre ſei. Wir zeigen, wie man dazu komme, daß man ſromm vor Gott werde; ſie, die Papiſten, aber, wie allein vor den Leuten; wo ſie es noch ſo gut machen; obgleich ſie daſſelbe (das Fromm⸗ ſeyn) erheben wollen, als ſollte es vor Gott. gelten; ſie brauen ſo in Einen Brei, als Sol⸗ che, die Nichts davon, was ſie ſagen oder ſetzen, wiſſen oder erfahren haben. Denn was iſt es, daß Du viel ſchreieſt: wer gen Himmel kommen will, muß die Gebote halten ꝛc. Hieraus wirſt du es nicht zuwege bringen. Denn ſchaue dich ſelbſt an, und ſuche in deinem Buſen, ſo wirſt du finden, daß du in Sünden geboren biſt und gelebt haſt; und daß du nicht zu geden ver⸗ magſt, was das Geſetz erfordert; was ſperreſt du denn den Leuten den Mund auf und ſprichſt mit ſolchen Worten: du ſollſt fromm ſein, ſo wirſt du ſelig, woraus doch Nichts folgt, und wo— durch du Niemand zeigeſt, wie er dazu kommen ſoll. Die Worte hör ich wohl, was das Geſetz erfordert: wie bring ichs aber dazu, daß es ſo gehe? Da weiſeſt du mich abermals auf mich, und ſprichſt: Du mußt gute Werke thun. Wie beſtehe ich aber vor Gott? wenn ich gleich gute Werke gethan habe und vor den Leuten fromm geweſen bin, wie du mich lehreſt; und wie ge⸗ ſchieht es, daß ich gewiß ſei, daß Gott mich auch dafür halte? Denn da iſt mein eigenes Herz und Gewiſſen gegen mich, und ſpricht. Nein dazu. Du ſollteſt aber mich lehren, wie St. Paulus 1 Timoth. 1. und überall thut: daß das Frommſein aus dem bloßen, unge⸗ fälſchten Glauben hervorgehen muß; daß man vor allen Dingen den Gnadenſtuhl erlange, und dort habe und zuſetze, was uns mangelt; dann erſt iſt der Spruch: „Halte die Gebote,““ recht verſtanden; denn das will das Geſetz, daß. du ganz fromm ſeieſt, ſowohl vor Gott, alb vor den Leuten. Wenn du das haſt, ſo gehe. dann heraus unter die Leute, und übe die Liebe, und thue gute Werke; ſo allein kommt man. recht zur Sache, und erfüllt alle ſolche Sprücht;, denn auf dieſe Weiſe gibt und thut der Menſch,“ was des Geſetz erfordert: zum Erſten, vor Gotz doch nicht durch ſich, ſondern durch Chriſtum, ohne den wir vor Gott Nichts thun könnenz, dann auch durch ſich ſelbſt vor den Leuten. Ein v Solcher iſt nun ganz fromm; inwendig durchn den Glauben, oder Chriſtum; dann auswendig. durch ſein Thun; doch ſo, daß auch damit Ver⸗ gebung der Sünde verbunden ſei; in der Wi,