# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 06 10_S172 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Rechnung, welche er in ſeiner Heimath unter leine Freunde und die Armen vertheilen ließ. — Als Borrow in Oncedo, der Hauptſtadt von Aſturien war, erhielt er folgenden Beſuch. „Es war ſchon nach zehn Uhr, ſchreibt er, und der Regen goß in Strömen. Ich ſchrieb noch, hoͤrte aber plötzlich auf, indem ich zahlreiche Fußtritte die Treppe heraufkommen hörte. Die Thür ging auf und herein traten 9 hochgewachſene Män⸗ ner, voran ein kleiner Buckliger. Sie waren alle in lange ſpaniſche Mäntel gekleidet, doch merkte ich alsbald an ihrem Benehmen, daß es caballeros oder Edelleute waren. Sie ſtellten ſich in einer Reihe vor den Tiſch, an welchem ich ſaß. Ploͤtzlich ſchlugen ſie zu gleicher Zeit ihre Mäntel zurück und ich bemerkte, daß ein Jeder ein Buch in der Hand trug, ein Buch, welches ich wohl kannte. Nach einer Pauſe, welche ich nicht unterbrechen konnte, weil ich ſtaunend daſaß und ſchon meinte, daß mich Er- ſcheinungen beſuchten, trat der Bucklige etwas vor und ſagte in ſanftem, ſilbernem Tone: „Sen⸗ nor Cavalier, haben Sie dieſes Buch nach Aſtu— rien gebracht?“ Ich dachte nun, daß es die Stadibehörden wären, gekommen, um mich ins Gefängniß zu werfen, und von meinem Sitze mich erhebend, rief ich aus: „Ja, ich war es; und es iſt mein Ruhm, daß ich es gethan habe! das Buch iſt Gottes Neues Teſtament: ich wünſche, ich könnte eine Million davon brin⸗ gen.“ „Ich wünſche es ebenfalls herzlich,“ ſag⸗ ie der Kleine mit einem Seufzer. „Fürchten Sie nichts, Sir Cavalter, dieſe Herren ſind meint Freunde! wir haben dieſe Bücher ſo ehen in dem Buchladen gekauft, in welchem Sie die⸗ ſelben zunn Verkaufe niedrrlegten, und haben uns die Freiheit genommen, Sie zu beſuchen, um Ihnen unſern Dank abzuſtatten für den Schatz, welchen Sie uns gebracht haben. Ich boffe, Sie werden uns auch mit dem Alten Te⸗ ſtamente verſehen.“ Nackdem ſie ſich dann noch einige Zeit mit Borrow unterhalten hatten, ent⸗ fernten ſie ſich, in engliſcher Sprache ihm gute Nacht wünſchend. „Als ich, erzählt Borrow, auf das Dorf Co⸗ benna in Alt⸗Caſtilien zuritt, meinen Mantel⸗ ſack mit Neuen Teſtamenten vor mir, begegnete mir ein junges, edel ausſehendes Srauenzinmer mit einem kleinen Knaben an der Hand. kel, ſagte ſie, was habt Ihr da in Eurem Man⸗ telſacke? Iſt es Seife?“ „Ja, erwiederte ich, es iſt Seife, um die Seele damit rein zu wa⸗ ſchen.“ Sie fragte, was ich damit meinte, wo⸗ rauf ich ihr entgegnete, ich hätte billige und gute Bücher zu verkaufen, Sie bat ſich eins aus, worin ſie ſofort mit lauter Stimme, wenigſtens zehn Minuten lang las, indem ſie gelegentlich ausrief: „Que lectura tan bonita, que lec- tura tan linda!““ Wie lieblich, wie herrlich zu leſen! Als ſie nach dem Preiſe für das N. Te⸗ ſtament fragte, forderte ich nur 3 Realen, wo⸗ rauf ſie ſagte, obwohl es nur ſehr wenig ſei, ſo könne ſie es doch nicht geben, da wenig oder gar keln Geld in jenen Gegenden ſei. ½. Doch war ich noch keine dreißig Schritt fort, als der kleine Knabe außer Athem mir mit dem Rufe nachge⸗ 7.4—— On⸗ —. laufen kam: „Halt, Onkel, das Buch!“ Dann übergab er mir drei Realen in Kupfer, nahm das Teſtament und lief zurück zu ihr, die ver⸗ muthlich ſeine Schweſter war, indem er das Buch voller Freuden über ſeiuem Haupt ſchwang. „Den Armen wird das Evangelium gepre⸗ digt“ — das erfuhr anch Borrow in Spanien. Oft brachten arme Arbeiter ihre letzten Heller, oder wenn ſie kein Geld hatten, Lebensmittel, um dafür ein N. Teſtament zu erhalten. Als Borrow eines Abends ſich und ſein Pferd im Tajo badete, kam ein Haufen Volks ans Ufer und rief: „Komm heraus, Englünder, und gieb uns Bücher, wir haben unſer Geld in unſern Händen.“ Dann ſtreckten die armen Geſchöpfe ihre Hände aus, in denen ſie kleine Kupfermünze trugen. Arme Schullehrer gaben oft ihr letztes Geld aus, um ſich und ihre Schüler mit N. Te⸗ ſtamenten zu verſehen. Und doch war der Preis von 3 Realen für 1 Eremplar ſo gering, daß man es Borrow oft nicht glauben wollte, und er einmal ſogar in Verdacht kam, er hätte die Bücher geſtohlen. Indem Borrow, Scite 193, eine Überſicht über ſeine Erfolge in Spanien giebt, ſagt er: „Es wird den Leſer überraſchen, wenn ich be⸗ richte, daß in zwei Kirchen von Madrid das N. Teſtament regelmäßig jeden Sonntag Abend von den reſpectiven Geiſtlichen ungefähr 20 Kin⸗ dern erklärt wurde, welche alle mit Exemplaren von der Madrider Ausgabe von 1839 verſehen waren. Die Kirchen, welche ich meine, ſind die von San Gines end von Santa Cruz.“ „Wenn ich die Schwierigkeiten bedachte, wel⸗ che unſeren Pfad umgeben hatten, ſo konnte ich oft kaum alles glauben, was der Allmächtige uns in dem letzten Jahre zu vollbringen erlaubte. Eine große Ausgabe des N. Teſtamentes war faſt ganz in dem Mittelpunkte von Spanien ver⸗ breitet, trotz des Widerſtandes und des wüthen⸗ den Geſchreies der blutdürſtigen Prieſterſchaft und der Verbote einer hinterliſtigen Regierung, und der Geiſt religiöſer Forſchung angeregt, welcher, wie ich brünſtig hoffe, früher oder ſpä— ter zu geſegneten und wichtigen Erfolgen führen wird. Noch bis vor Kurzem war in dieſen Ge⸗ genden von Spanien am meiſten verhaßt und verabſcheut der Name Martin Luther's, welcher im Allgemeinen für eine Art Teufel gehalten wurde, für einen Vetter Belial's und Beelze— bub's, der in der Geſtalt eines Mannes Läſte- rungen gegen den Höchſten ſchrieb und predigte; aber jetzt wurde ſonderbarer Weiſe von dieſer einſt ſo verhaßten Perſon mit nicht geringer Ach— tung geſprochen. Nicht ſelten beſuchten mich Lcute mit der Bibel in der Hand und fragten mit großem Ernſt und nicht geringer Einfalt nach den Schriften des großen Doctor Martin, von welchem Einige in der That vermutheten, daß er noch lebe.⸗ ö „Es wird gut ſein, hier zu bemerken, daß von allen mit der Reformation verbundenen Namen der Name Luther's allein in Spanien bekannt iſt; und laßt mich hinzufügen, daß man außer ſeinen Streitſchriften wahrfcheinlich keinen das geringſte Gewicht und Anſehen beimeſſ ſen auseinander zu ſetzen, ſind deßhalb in Spanien ſich der Glaube ängſtlich und bekümmert allein wird, wie groß ihr innerer Werth immerhin ſein mag.“ „Die gewöhnlichen Tractate, geſchrieben in der Abſicht, die Irrthümer des Papſtthum's von keinem großen Nutzen, während es, wahr⸗ ſcheinlich iſt, daß durch gut ausgeführte Ueber⸗ ſetzungen von paſſenden Stücken aus Luther's Werken viel Gutes würde bewirkt werden.“ H. S. Von dem Hauptſtück unſerer ganzen chriſt⸗ lichen Lehre: d. i. von der Rechtfertigung des Sünders vor Gott durch den Glauben an Chriſtum. (Aus ves ſel. Dr. Chemnitz Examen Concil. Trident, aus dem Lateiniſchen überſetzt ven J. G. Dieſer Artikel iſt der Hauptartitel in der gan⸗ zen chriſtlichen Lehre. Denn geängſtete und er⸗ ſchrockene Herzen, welche mit der Sünde und dem Zorn Gottes kämpfen und ringen, ſuchen und trachten allein nach dieſem Hafen und ſichem Port, wie ſie einen verſöhnten und gnädigen Gott haben mögen. Und in der Anfechtung ſieht nach dieſem Troſt um, was er ergreifen ſolle, worauf er ſich ſtützen, woran er ſich halten ſolle, daß er nicht durch Gottes gerechtes Gericht um ſeiner Sünden willen verdanmnt, daß der Zorn Gottes geſtillt, daß er von ſeinem Sündenelend erlöſet, daß er wieder zu Gnaͤden angenommen und zu ewigem Leben und Seligkeit aufgenom⸗ men werde. Denn des Glaubens Ende iſt das ewige Leben, 1. Petr. 1. Hier bringt nun der einzige Artikel von der Rechtfertigung, wenn er recht erklärt und alſo verſtanden wird, wie er in! der Lehre des Evangeliums geoffenbaret iſt, from⸗ ö men Gewiſſen nothwendigen und reichen Troſt, und macht die Ehre des Sohnes Gottes, unſe⸗ res Erlöſers und Mittlers, groß und herrlich. Hinwiederum aber, wenn dieſer Artikrl mit frem⸗ den Meinungen gefälſcht und getrübt wird, ſo verdunkelt das die Ehre und Wohlthaten Chriſti/ und raubt den betrübten und angefochtenen Ge⸗ wiſſen den nöthigen Troſt, der uns in Chriſto vorgehalten und dargeboten iſt. Wir haben es noch nicht vergeſſen, was für eine Gewiſſensfol⸗ ter im Papſtthum war, da die Gewiſſen in der Anfechtung kämpften und rangen mit der Sünde und dem Zorn Gottes, nnd ängſtlich ſuchten nach einem feſten und gewiſſen Troſt; da von Chriſto, wie er uns mit ſeinem Verdienſt zu ei⸗ ner vollkommenen Gerechtigkeit genug iſt, nichts. Rechtes gelehret ward; da man mit Übergehung ſeiner die armen Gewiſſen bald auf eine Heilig⸗ keit aus des Geſetzes Werken, ja auf eigene Ge⸗ nugthuung ſelbſterdachter Werke; bald auf die überflüſſigen Werke und Verdienſte der Mönchs orden und Brüderſchaften; bald auf die Für⸗ bitte der Heiligen, bald auf Wallfahrten, auf; Ablaß u. dgl. hinwies, und ſo immer tiefer und tiefer in Finſterniß und Elend führte. Und wenn die armen Menſchen von alle dem, ſo viel ihnen immer möglich war, gethan und vol