# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 08 17_S102 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 102 derselben, Joh. Agricola, der Aufforderung Luthers, seine Schriften, die er ohne Nennung seines Namens herausgab, öffentlich zu verantworten, nicht Folge leistete, so sah sich Luther genöthigt, dieser gefährlichen Irrlehre in Schriften und Disputationen zu widersprechen. Damals sagte er über Tische zu seinem treuen Schüler Mathesius: „Ihr werdet erfahren, was sich wider diese Schule und Kirche (zu Wittenberg) wird aufwiegeln lassen und wider sie schreiben, sofern doch unsere Leute bei reiner Lehre ausdauern, die werden große Ketzer und schädliche Schwärmer werden." Um diese Zeit ließ Luther die drei Hauptsymbole (das apostolische, nicänische und athanasianische, welche die Grundlage des Concordienbuchs bilden) in einer deutschen Uebersetzung nebst einer schönen Auslegung erscheinen, worin er den Artikel von der heil. Dreieinigkeit und insonderheit von der Gottheit JEsu Christi kurz und bündig abhandelt. Auch verfaßte er eine weitläuftige Auslegung des 51. Psalms und legte darin die Lehre von der Buße in ihrem ganzen Umfange so überzeugend und trostreich dar, daß sie unter vielen ähnlichen Meisterstücken Luthers obenan steht. Im Jahre 1539 mußte Luther aufs Neue wahrnehmen, wie das Volk, von des Pabstes Zwang erledigt, die christliche Freiheit mißbrauchte, wie es immer roher und sicherer wurde, die Kirchendiener verachtete und sich nicht mehr von ihnen wollte strafen lassen. Da bezeugte Luther laut und offen, daß Gott solchen schnöden Undank gegen sein heiliges Wort durch leibliche Plagen und durch kräftige Irrthümer nach seinem Tode rächen werde, was auch wirklich geschehen ist. Aehnliche Klagen mußte Luther auch über das Leben vieler Prediger hören, die zwar die Klöster, nicht aber die Sünden derselben verlassen hatten. Im April des Jahres 1539 starb ein grimmiger Feind der Lehre Luthers, Georg, Herzog von Sachsen, dessen Tod durch das schnelle Absterben seiner beiden Thronerben beschleunigt worden war. Und so fiel der Besitz dieses Theiles von Sachsen seinem Bruder, dem Herzog Heinrich, anheim, welcher bereits in seinem Lande die Reformation eingeführt hatte und nun ungesäumt auch seinen neuen Unterthanen die von den meisten sehnlich gewünschte, aber lange unterdrückte Lehre des Evangeliums verkündigen ließ. Dies geschah in Leipzig zuerst am heil. Pfingstfest, an welchem insonderheit Luther in Gegenwart des Herzogs predigte. So wurde erfüllt, was er lange zuvor geweissagt hatte: „Ich sehe, daß Herzog Georg nicht aufhöret, das Wort Gottes, dessen Predigt und die armen Lutheraner zu verfolgen, ja immer ärger wird, aber ich werde noch erleben, daß ich dessen ganzen Stamm von Gott ausgetilgt sehe, und ich Gottes Wort zu Leipzig predige." Obgleich nun der theure Luther die Beschwerden des Alters je länger desto mehr fühlte, so fuhr er doch mit Lehren des göttlichen Worts unermüdet fort. Unter andern erklärte er den 110. Psalm sehr ausführlich und zeigte darin die Beschaffenheit des Reiches Christi, namentlich wie Christus unser ewiger König und Hoherpriester sei, und wie alle Christen durch den Glauben an ihn Herren über alle ihre Feinde, und geistliche Priester seien. Er that dies mit einer großen Fülle des Geistes. In demselben Jahre erschien auch die äußerst lehrreiche Schrift „von Kirchen und Concilien," in welcher Luther mit großer Belesenheit aus der Kirchengeschichte nachweist, daß die allgemeinen christlichen Concilien nie neue Artikel des Glaubens aufgebracht, sondern nur den alten Glauben gegen neue Irrthümer vertheidigt haben. Im Jahre 1540 erhörte Gott abermals das Gebet Luthers auf eine wunderbare Weise. Melanchthon war nehmlich in Folge eines heftigen Gemüthskummers in Weimar todkrank geworden. Der Churfürst ließ Luthern aufs schleunigste in seinem Wagen holen. Als er ankommt, trifft er Melanchthon in den letzten Zügen liegend an. Luther erschrickt darüber heftig, wendet sich aber sogleich in andächtigem Gebet zu seinem Gott und hält ihm alle seine Verheißungen von der Erhörung des Gebets aus der heil. Schrift vor. Hierauf nahm er Melanchthon bei der Hand und sprach: „Seid getrost, Philipp, ihr werdet nicht sterben," und da er die Ursachen dieser tödlichen Krankheit wußte, so sagte er: „Obgleich Gott Ursache hat zu tödten, so will er doch nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe, er hat Lust zum Leben und nicht zum Tode, und weil Gott die größten Sünder, die jemals auf Erden gelebet, nehmlich Adam und Eva, in seine Gnade berufen und genommen, vielweniger will er euch, Philipp, verstoßen oder zugeben, daß ihr in eurer Sünde und Schwermuth umkommt. Darum gebt dem Trauergeist nicht Raum und werdet nicht euer eigner Mörder, sondern verlaßt euch auf den HErrn, der kann tödten und lebendig machen." Als Luther so redete, lebte Melanchthon von neuem auf und kam schnell wieder zu Kräften. Er selbst bekannte, ich wäre gestorben, wenn ich nicht durch Dr. Luthers Ankunft mitten aus dem Tode wäre gerissen worden. Eine gleiche Erhörung seines Gebets erfuhr Luther noch zweimal, so daß er sagen konnte: „Ich habe unsern Philippum und meine Käthe und den Herrn Myconium vom Tode erbeten." Im Herbst des Jahres 1540 reiste Melanchthon mit mehreren Theologen nach Worms zu einem Religionsgespräch mit den Papisten, Luther aber reiste nicht mit und sagte: „Gott hat viele gelehrte gute Leute gegeben, die sein Wort verstehen und dem Gegentheil zum Haupt gewachsen sein." Beim Abschiede segnete er sie und redete noch viele kräftige Worte zu ihnen, unter andern folgende: „Ziehet hin im Namen Gottes als Gesandte JEsu Christi und haltet am einfältigen Wort feste und vergebt unserm HErrn JEsu Christo nichts, wie ihr auch nicht Macht habt." Da die Widersacher bei dem Gespräche gegen Melanchthons Gründe nichts aufbringen konnten, so verschoben sie die Fortsetzung desselben bis auf den bevorstehenden Reichstag zu Regensburg im Jahr 1541. Daselbst überreichten die Papisten eine Schrift, gewöhnlich das Regensburgische Interim genannt, welche zur Grundlage der gegenseitigen Besprechung und wo möglich auch Vereinigung dienen sollte. Allein Luther bewies deutlich, als er deßhalb um Rath gefragt wurde, daß der Widersacher Vornehmen besonders bei dem Artikel von der Rechtfertigung nichts anderes sei, als ein neues Tuch auf ein altes Kleid flicken, wodurch der Riß nur ärger werde (Matth. 9, 16). In der Hoffnung aber, daß doch vielleicht Luther noch zu einem Vergleich bewogen werden könnte, beschlossen mehrere auswärtige Fürsten mit Vorwissen des Kaisers eine ansehnliche Gesandtschaft an Luthern zu schicken. Dies geschah und auf den mündlichen Vortrag der Gesandten gab Luther sogleich eine mündliche, dann aber auch eine schriftliche Antwort des Inhalts: wenn die ersten vier Artikel, insonderheit der von der Rechtfertigung, durchaus rein und klar gepredigt und für christlich sollten gehalten werden, so nähmen sie den zehn andern Artikeln das Gift, und es würde dann auch bald durch den klaren Bericht der vier ersten Artikel und durch die Anwendung vermittelst rechter Predigt zu einem Vergleich der letzten zehn kommen. Diese Antwort Luthers in dieser Reformationshandlung, welche eine der wichtigsten ist, rühmt der Freiherr von Seckendorf in seiner unübertrefflichen Historie des Lutherthums sowohl wegen der Bescheidenheit in der Schreibart, als auch wegen der Klugheit der Gegenpartei, besonders aber wegen der Standhaftigkeit, die Luther dabei bewies; denn wie früher alle Drohungen Cajetans in Augsburg und des Kaisers in Worms Luthern nicht zu erschrecken vermochten, so vermochte hier das Schmeichelhafte einer so ansehnlichen Gesandtschaft nicht, ihn zu einem sündlichen Nachgeben zu bewegen. Allein die Gegenpartei wollte diese Antwort Luthers nicht berücksichtigen und verschob aufs Neue alles auf ein allgemeines Concilium. Hätten die Fürsten und Theologen bei den Verhandlungen über das Interim, welches bald nach Luthers Tode aus jenem Regensburger zusammengeschmolzen wurde, diese Antwort Luthers sich zum Muster genommen, so würde die luth. Kirche dadurch nicht so zerrüttet worden sein. Um diese Zeit ist der werthe Luther mit mancherlei leiblichen Schwachheiten und Schmerzen von Gott heimgesucht worden, weßhalb er stets mit Todesgedanken umging und Gott um ein seliges Stündlein anrief. Auch wurde er dadurch sehr in seinen Arbeiten gehindert und mehrmals genöthiget die Canzel vor dem Schluß der Predigt zu verlassen. Er konnte oft nicht einen Brief, ja nicht einmal 2—3 Zeilen ohne Unterbrechung lesen. Dennoch aber verfaßte er manche herrliche Schrift. Außer der schönen Auslegung über die Lieder im höhern Chor (Ps. 120-135), ließ er die zwei Predigten über Matth. 3. von der Taufe Christi und der Christen drucken, die er am fürstlichen Hofe zu Dessau bei der Taufe eines Prinzen gehalten hatte. An die Pfarrer ließ er eine sehr ernstliche Ermahnung ergehen, mit allem Nachdruck wider den Wucher zu predigen, von dem er sagt, daß er bereits so gewaltig eingerissen sei,