# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 03 18_S134 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) der lutheriſchen Kirche zu bleiben, während er doch unwiſſend oder boshaft genug iſt, diejenigen, dit der alten herrlichen lutheriſchen Gottesdienſt⸗ ordnung das Wort reden, als Puſeyiten und halbe Römlinge hinzuſtellen. Das heißt in der That aller Wahrhaftigkeit aller Geſchichte, aller auch nur gemeinen Ehrlichkeit ins Angeſicht Hohn geſprochen, und muß demnach eine gräu⸗ liche Finſterniß und Unwiſſenheir in einer Sy⸗ node herrſchen, die ſich eine lutheriſche nennt, und in der ein Prediger ihres Verbandes, dazu ein ehemaliger Herausgeber einer kirchlichen, lu⸗ theriſch genannten Zeitſchrift dergleichen Dinge ungeſcheut und ungerügt wagen, und einem ſich lutheriſch dünkenden Publicum damit Sand in die Augen ſtreuen darf. — Was nun den neuen Herausgeber H. Anſtädt betrifft, ſo läßt ſich derſelbe in ſeinem Vorwort buchſtäblich alſo vernehmen: ö „Was die Grundſätze anbelangt, nach wel⸗ „chen das Blatt künftighin redigiert werden „ſoll, ſo ſoll auf der einen Seite kein ſtar⸗ „res, ausſchließendes, ſogenanntes Altlu⸗ „therthum, auf der andern aber auch keine „Schwärmerei und kein unkirchliches We⸗ „ſen in den Schutz genommen werden; „aber echtes gründliches Luther⸗ „thum, lebendiges thätiges Chri⸗ „ſtenthum ſoll und muß behaup⸗ „tet werden.“ ö Da nun H. Anſtädt nur ein Friedensbote ſein will und den Streit ablehnt, auch gleich gar ernſtlich zur Eintracht vermahnet, wir ſelbſt auch nichts lieber wünſchen als einen feſten guten Frieden auf Grund der einen und unwandel⸗ baren Wahrheit, ſo wollen wir, obgleich wir ei⸗ gentlich mit ſeinem Seitenhieb auf das ſtarre, ausſchließende, von ihm ſogenannteAltlutherthum herausgefordert ſind, dennoch für's erſte nicht ſtreiten, ſondern uns nur einige Fragen zu ge⸗ genſeitigem Verſtändniß erlauben, damit ja wo möglich alle Mißhelligkeiten vermieden werden möchten. So fragen wir denn: Gedenkt Herr Anſtädt ſein echtes, gründliches Lutherthum und lebendiges, thätiges Chriſtenthum, von dem er ſagt, daß es ſolle und müſſe behauptet werden, in der That ſo ſtarr, ſteif und unbeugſam zu be⸗ haupten und feſtzuhalten, als es einem Chriſten geziemt, der ſich nicht wägen und wiegen laſſen ſoll von allerlei Wind der Lehre durch Schalk⸗ heit der Menſchen und Täuſcherei, ſondern ſoll bereit ſein zur Verantwortung jedermann, der Grund fordert der Hoffnung, die in ihm iſt? Oder verſteht er darunter nach dem jetzigen Sprachmißbrauch nur ſo ein heute Behaupten, das morgen einem Reformirien, Unirten, Metho⸗ diſten ꝛc. oder dem Teufel zu lieb wieder alles fahren läßt, daß doch ja der Friede erhalten wer⸗ de, der kein Friede iſt? Schließt er mit dem echten, gründlichen Lutherthum aufrich⸗ tiglich alles unechte und ungründliche, mit dem Lutherthum, aber jene andern —thume, das Reformirtenthum, das Papſtthum, das Metho⸗ diſtenthum, das Unionsthum aus, oder hätte ers damit ſo ern ſtlich nicht gemeint? Glaubt er⸗ daß das gute, alte Lutherthum, wie es in den — 34— lutheriſchen Symbolen bekannt iſt, ein echtes und gründliches oder aber ein falſches, leichtfertiges und oberflächliches ſei und daß das echte und rechte jetzt erſt herfürgebracht worden? Endlich, meint er mit iſeinem lebendigen, thätigen Chri⸗ ſtenthum wirklich dasjenige, das aus dem rech⸗ ten Glauben kommt, oder ein jegliches, das nur etwas thut, ſei's gleich aus eigner Kraft oder nach eignem Einfall und Gutdünken wie die Heiden, Juden und Türken? — Wir hätten eigentlich noch ſo manches zu fragen, was uns um der Wahrheit willen ſchwer auf dem Herzen liegt, doch wir beſcheiden uns, erſt hierauf eine eingehende, friedliche Antwort abzuwarten, um uns dann nach Nothbefund über das echte, gründliche alte Lutherthum und das davon un⸗ zertren nliche lebendige tharige Chriſtenthum wei⸗ ter vernehmen zu laſſen, denn das und das al⸗ lein meinen wir ja, dafür kämpfen wir, das behaupten wir und werdens mit Gottes Hilfe behaupten, ſollt uns auch alle Welt noch ſo ſteif und ſtarr, noch ſo ausſchließlich darüber die ſtarren, ausſchließenden Altlutheraner ſchelten. Sagt doch unſer lieber HERR und Meiſter Je⸗ ſus Chriſtus: Selig ſeid ihr, ſo euch die Men⸗ ſchen um meinetwillen ſchmähen und verfolgen und reden allerlei lbels wider euch, ſo ſie daran lügen. — Auguſt Crämer. Die Würde des Menſchen nach der Vorſtellung des Atheiſten. Es mögen wohl manche unſerer lieben Leſer ſich darüber verwundert, ja, theilweiſe es wohl für nichts, als eine ſcherzhafte Übertreibung, angeſehen haben, daß im „Lutheraner“ behaup⸗ tet worden iſt, der Atheiſt mache den Menſchen ohne Spaß zu einem Thiere und ſeine Religion ſei eigentlich nichts anderes, als ein Religions⸗ ſyſtem, wie es etwa die vierbeinigen edleren Be⸗ wohner dieſes Erdenrundes aufſtellen würden, wenn ſie Bücher ſchreiben und Wochenblätter für religiöſe Aufklärung herausgeben könnten. Hierzu kommt, daß unſere gegenwärtigen Athei⸗ ſten häufig noch von einer gewiſſen verſchämten Beſcheidenheit befangen ſind, die ſie abhält, es ſelbſt ſo ganz unverblümt herauszuſagen, wie bewunderungswürdig einfach die Religion ſei, die ſie nach langer Durchwanderung des „un⸗ ermeßlichen Gebiets der Natur und ernſten Wiſ⸗ ſenſchaft“ endlich als die einzig wahre gefunden haben. Es hat jedoch ſchon Philoſophen gege⸗ ben, welche es ſich nicht haben verſagen können, es ihren Leſern zu entdecken. Unter dieſe gehört z. B. der geiſtreiche Rouſſeau (lies: Ruſſo), geboren 1712 zu Genf, geſtorben 1778 in Er⸗ menonville unweit Paris. Derſelbe ſchreibt in ſeiner Schrift: Discours sur Porigine d. i. Abhandlung von dem Urſprung: „Indem ich den Menſchen ſo betrachte, wie er aus der Hand der Natur hervorgehen mußte, ſo ſehe ich in ihm ein Thier, ſchwaͤcher, minder gewandt, als manche andere Thiere, doch alles zuſammen⸗ genommen, vortheilhafter organiſirt als alle — übrigen.“ Dieſe Thiere, Menſchen genannt, lebten nun, nach Rouſſeau, unſprünglich ohne Obdach, in Wäldern ſich herumtreibend, ohne Sprache, ohne alle Sehnſucht nach ihres Glei⸗ chen, vielleicht ohne ſich irgend perſönlich zu kennen, ohne Ehe. „Die Mutter, ſchreibt er, ſtillte zuerſt die Kinder, weil es ihr ſelbſt gut that; länger ernährte ſie die Kinder nur, weil ſie ihr durch Gewohnheit lieb geworden; dieſe verließen aber die Mutter, ſo bald ſie nur ir⸗ gend Kraft hatten, ſich ſelbſt ihre Nahrung zu ſuchen. Da es damals faſt kein anderes Mittel gab, ſich wieder zu finden, als daß man ſich nicht aus den Augen verlor, ſo dauerte es nicht lange, und Mutter und Kinder kannten einan⸗ der nicht mehr.“ Vom Vater war natürlich nicht die Rede, er kannte ſeine Kinder nie, Er⸗ ziehung ſiel ganz weg, (demgemäß denn auch Rouſſeau ſeine fünf außerehelichen Kinder ins Findelhaus ſchickte, das erſte mit, die vier letzteren ohne alle Wiedererkennungszeichen; als aber ſpäterhin die Marſchallin von Luxem⸗ burg jenes älteſte Kind Rouſſeau's aus dem Findelhauſe holen laſſen wollte, befand ſich's, daß das Wiedererkennungszeichen auch für die⸗ ſes Kind verloren gegangen war und daſſelbe daher nicht wieder herausgefunden werden konnte.) *) Rouſſeau ſagt ferner, die erſten Menſchen lebten auch ſtumm, da die Sprache erſt im Laufe von Jahrtauſenden erfunden ward. Doch behauptet er: Dieſe Menſchen, wie ſie „aus der Hand der Natur hervorgegangen“, hätten „ruhige und unſchuldige Tage verlebt“, ihr Herz ſei in Frieden, ihr Leib geſund geweſen; leider nur ſeien ſie durch ihre „Perfectibilität“ (Verwollkommungsfähigkeit) jenes Paradiesle⸗ bens beraubt worden. Als guter Socialiſt be⸗ merkte er: „Eigenthum und Verträge haben die Menſchen unglücklich gemacht.“ Merkwürdig iſt, was Voltaire, jener berüchtigte Spötter, an Rouſſeau ſchrieb, als letzterer Obiges der Welt vorgelegt hatte. Er ſchrieb an ihn nehm⸗ lich (1755) Folgendes: „Nie hat jemand ſo viel Geiſt aufgewendet, um uns zu Beſtien zu ma⸗ chen; lieſt man Ihr Buch, ſo wandelt einem die Luſt an, auf allen Vieren zu laufen. 7) Je⸗ doch, da ich ſchon über ſechzig Jahre dieſe Ge⸗ wohnheit abgelegt, ſo fühle ich leider, daß es mir unmöglich iſt, ſie wieder anzunehmen, und ich überlaſſe anderen dieſen Naturgang, welche deſſen würdiger ſind, als Sie und ich. Auch kann ich mich nicht einſchiffen, um die Wilden in Canada zu beſuchen, erſtlich, weil die Krank⸗ heiten, zu denen ich verdammt bin, mir einen *) Rouſſeau ſchreibt: „Alles wohl erwogen, ſo wählte ich ſür meine Kinder das Beſte oder das, wys ich für das Beſte hielt. Ich hätte gewün ſcht, daß ich ſo wie ſie erzogen worden wäre, ja ich wünſchte es noch.“ — Hier ſieht der Leſer, von wem die jetzigen Socialiſten den ihnen ſo lieben Gedanken haben, daß Findelhäuſer' errichtet werden müch⸗ ten, in die ſie alle ihre Kinder ſchicken und ſo der Sorge und Plage für deren Ernährung und Erziehung entledigt werden lönnten. 1) Wahrſcheinlich haben die, welche laut eines Brrichtes in der 16. No. des „Lutheraner“ die ſeltſame Prozeſſion auf allen Vieren augeſtellt haben, Rouſſeau's Buch kurz zuvor geleſen, daher es ihnen auch wie Voltaire ergangen iſt, ohne jedoch in ſeine Inconſequenz zu ſallen.