# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 08 03_S97 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 1. St. Louis, Mo., den 9. August 1845. No. 25. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft. Antwort auf die neueste Vertheidigung der Union. (Fortsetzung.) Indem wir nun, was den Punct von der Kirche betrifft, zum Schlusse eilen, so lassen wir endlich eine Darstellung davon, was wir insonderheit unter lutherischer Kirche verstehen und welches Verhältniß zwischen derselben und den anderen Benennungen statt finde, folgen. Gott, der von Ewigkeit voraussah, daß die Menschen, die er schaffen wollte, durch die Sünde in Tod und ewige Verdammniß fallen würden, beschloß auch von Ewigkeit, aus diesem verlornen und verdammten menschlichen Geschlechte sich während der ganzen Weltzeit eine ewige Kirche, d. h. ein auserwähltes Volk zu sammeln, dasselbe hier eine Zeitlang streiten zu lassen und endlich im Himmel als eine triumphirende Gemeinde zu ewiger Seligkeit zu vereinigen. Dieser ewige anbetungswürdige Rathschluß wurde denn auch endlich in der Zeit herrlich ausgeführt. Aus unaussprechlicher Liebe ward nehmlich Gottes eingeborner Sohn ein Mensch, erfüllte für alle Menschen das Gesetz durch sein heiliges Leben, versöhnte alle Sünden durch sein bitteres Leiden und Sterben und brachte durch seine Auferstehung Gerechtigkeit, Leben und Seligkeit ans Licht. Dieses alles hat nun Gott aller Welt theils selbst unmittelbar angekündigt, theils durch seine Propheten und Apostel verkündigen lassen und allen denen Heil und Seligkeit verheißen, welche dieses Evangelium, diese frohe Botschaft von der allgemeinen Erlösung durch Christum im Glauben annehmen und sich zueignen würden. So ist denn durch diese in alle Welt ausgegangene Predigt des Evangeliums die ganze Welt in zwei große Theile getheilt worden, nehmlich in die, welche das gnädige Wort ihres Gottes verwerfen oder doch nicht von Herzen annehmen, in ihrem Unglauben oder falschen Glauben verharren und daher verloren werden, und in die, welche dieses Wort im Glauben annehmen, dem Gnadenruf Gottes folgen und also, wenn sie im Glauben beharren, endlich selig werden. Und diese letzteren sind eben die Kirche. Die Kirche ist also die Gesammtheit aller derer, welche Gott von der Finsterniß zu seinem wunderbaren Licht berufen hat und die diesen Beruf angenommen haben, sie ist die Gesammtheit aller wahrhaft an Christum Glaubenden, die Gesammtheit aller durch den Glauben Gerechtfertigten, aller durch den heil. Geist Wiedergebornen, aller von der Gewalt des Satans zu Gott Bekehrten; sie ist das auserwählte Geschlecht, das königliche Priesterthum, das auserwählte Volk, das Volk des Eigenthums; sie ist die Gemeinschaft aller Derer, die der göttlichen Natur theilhaftig geworden sind; sie ist die von Gott stammende heilige Familie der Kinder Gottes auf Erden; sie ist der Sauerteig, den Gott mitten unter die Masse der Kinder dieser Welt mengt, damit dieselbe mehr und mehr von ihm durchdrungen werde. Diese Kirche besteht zwar zu verschiedenen Zeiten unter verschiedenen Verfassungen und hat ihre verschiedenen Gestalten und Schicksale, aber sie ist und bleibt immer Eine und dieselbe. Zur Zeit des A. Testamentes stand sie unter einer andern Oekonomie (göttlichen Haushaltung) als zur Zeit des N. Testamentes, nach dem A. Bund stand nehmlich die Kirche unter der Vormundschaft und Zuchtmeisterschaft des Gesetzes, nach dem N. Bunde aber ist sie von jener Vormundschaft frei und lebt allein unter dem Evangelio; dies benimmt aber ihrer Einigkeit nichts, denn die Kirche des A. Testamentes war gerecht und heilig durch den Glauben an den Heiland, der da kommen sollte und auf dessen Erscheinung im Fleisch sie wartete, die Kirche aber des N. Testamentes ist gerecht und heilig durch den Glauben an den Heiland, der bereits gekommen ist und auf dessen Erscheinung und Offenbarung in der Herrlichkeit sie nun wartet. Die Kirchen des A. und N. Testamentes machen daher eigentlich nur Eine Kirche aus, denn sie haben denselben Glauben, dieselben Güter, dieselbe Hoffnung, nur daß die Kirche des N. Testamentes mündig gemacht worden ist, und von der Vormundschaft und dem Joche und den Lasten des Gesetzes nicht mehr gedrückt wird. So wie nun die Kirche des A. und N. Testamentes eine und dieselbe ist, so ist die Kirche des N. Testamentes in noch höherm Grade durch alle Jahrhunderte hindurch immer eine und dieselbe. Sie hat immer denselben Glauben, dieselbe Hoffnung, denselben Geist, dieselbe Einigkeit, dieselbe Wahrheit, dieselben Sacramente, dieselben Güter, dieselbe Heiligkeit, denselben Grund gehabt und bewahrt bis diese Stunde. Sie war eine und dieselbe vor Luther und nach Luther. Sie war unter dem Pabstthum nicht untergegangen. Der Unterschied besteht nun darin, daß unter dem Pabstthum die Kirche fist ganz durch die Wolken der zur Herrschaft gekommenen Menschenlehren verdeckt und verhillt war, welche Wolken durch das heilige Werk der Reformation wieder zerstrent und verscheuch worden sind. Auch unter dem Pabstthum gab es einen heiligen Samen gläubiger Kinder Gottes, aber sie schmachteten in babylonischer Gefangenschaft, bis Gott durch die Reformation eine große Hülfe schaffte, wieder getwst lehren ließ und einen großen Theil seiner Kirche aus Babylon, nehmlich aus der papistischen Secte ausführte. Wenn wir uns nun zu de evangelisch-lutherischen Kirche bekennen, so wollen wir uns damit zu keiner andern, als eben zu der oben beschriebenen Einen, heiligen allgemeinen (katholischen), christlichen Kirche aller Zeiten bekennen, die allein die Wahrleit hat und die Gesammtheit aller Kinder Gotes in sich faßt. Wie? werden hierbei manche ausrufen, so anmaßend bist du? so beschräikt, so engherzig, ja so wahnsinnig, die lutherisch Kirche, dieses kleine fast gänzlich zusammen gfallene Capellchen, dieses im Buchstabendienst erstarrte, in geistliche Todtheit versunkene u. vom Unglauben fast gänzlich verpestete und verschlungene kleine Häuflein für die allgemeine christliche Kirche zu halten, außer welcher kein Hel ist, die auch die Pforten der Hölle nicht überwältigen sollen? — Wer so denkt, dem rufen wir zu: Nur gemach! man höre uns nur erst weiter an und urtheile dann selbst. Luther hat, lieber Lesir, keinesweges eine neue Kirche gestiftet, noch vielweniger stiften wollen; er hat vielmehr dagegen protestirt, daß die Papisen in unzähligen Lehren von der alten wahren apostolischen Kirche abgegangen waren; seine Schriften waren eben nichts anders, als ein Aufruf an die Christenheit, die alte Kirche nicht zu verlassen. Luther hat keine neue Lehre aufgebracht, sondern in dem Schacht des göttlichen Wortes und in den Schriften treuer Wahrheitszeugen nach der unveränderlichen Lehre der wahren Kirche aller Zeiten durch Studiren, Nachdenken und Beten und Flehen gegreben. Alle Lehren, die Luther aus Gottes Wort als die Lehre der wahren Kirche Gottes erkannte, hat er behal- 13