# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 07 26_S96 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) 96 Wo steht hier etwas, was selbigen zu dem Gedanken hätte verleiten können, wir glaubten, die seit 300 Jahren bemerkbare historische Erscheinung einer gewissen abgegrenzten kirchlichen Partei, die man lutherisch geschimpft hat, sei die ganze lutherische Kirche, zu der wir uns allein bekennen, und außer welcher kein Heil und keine Seligkeit zu finden sei? Wie konnte Hr. N. bei jenen unseren Erklärungen auf die Gedanken kommen, daß wir nur aus „List" die Christen unter den Secten zur luth. Kirche rechneten? Konnte er denn nicht einsehen, daß dies so nothwendig mit unserer ganzen Lehre von der Kirche zusammenhängt, daß mit Aufgabe dieses einzigen Theils derselben, das ganze von uns aufgeführte Lehrgebäude zusammenfallen mußte? Es ist außer allem Zweifel, Hr. N. denkt sich die Kirche als eine äußerliche Anstalt, darum sucht er solchen Wahn auch bei uns; er gibt zwar erst zu, daß es nur Eine wahre Kirche gebe, welche unsichtbar sei, aber dann verläßt er diesen guten Gedanken wieder und redet von einer Menge sichtbarer wahrer Kirchen; darum traut er solchen Mischmasch auch uns zu. Hr. N. bekennt sich nicht allein zu der einigen allgemeinen christlichen Kirche, sondern liest sich aus allen sogenannten Kirchen die nach seinen Gedanken beste, nehmlich die neue evangelische, wie in einem Kleiderstore den besten Rock nach dem geschmackvollsten Schnitte aus; darum erwartet er von uns denselben eben so indifferentistischen, als sectiererischen Sinn. Doch wir fragen Hrn. N. weiter, wo steht es im Lutheraner geschrieben, daß die lutherische eine selig machende Kirche sei? — Nur die unverantwortlichste, gewissenloseste Sucht, uns verdächtig zu machen und zu verleumden, konnte Hrn. N. nach Vorgang des „Theophilus" und „Apologeten") so kühn machen, ohne Scham und Scheu diese papistische Lehre uns beizumessen. Hr. N. scheint es wohl von seiner Kirche sagen zu wollen, daß sie selig mache (S. 20), nur nicht allein; aber wo haben wir das gesagt? Das behaupten wir wohl, daß man nur in der wahren Kirche selig werde, das heißt aber nichts anderes, als, daß wir nur durch den wahren Glauben an Christum selig werden, den man freilich allein in der wahren Kirche hat. Es ist daher auch diese eine von den vielen Unwahrheiten, welche Hr. N. durch sein Büchlein verbreitet hat, daß er uns das Zugeständniß in den Mund legt, daß auch außerhalb unserer einigen wahren Kirche Menschen selig werden; wo haben wir davon im Lutheraner nur ein Wort geschrieben? Das haben wir wohl zugestanden, daß viele wahre Christen äußerlich mit einer Secte in Verbindung stehen können, und daß gewiß unzählige nicht in den äußerlichen Verband der sich lutherisch Nennenden gehören, haben wir aber nicht deutlich gelehrt, daß diese wahren Christen alle doch innerlich zum geistlichen Leibe der wahren Kirche gehören? Haben wir es nicht deutlich ausgesprochen, daß wir, wenn wir uns Lutheraner nennen, uns damit zu keiner neuen, sondern zu der einigen alten christlichen Kirche bekennen, welche immer dieselbe Lehre, nehmlich die Wahrheit hat, zu welcher alle wahre Christen aller Zeiten und Länder gehört haben und noch gehören und welche eben in der Gesammtheit aller Kinder Gottes besteht? — Wo sagen wir ferner, daß diejenigen zur wahren Kirche gehören, die „im geistlichen Tode liegen"? Sagen wir nicht im Gegentheil, daß nur Wiedergeborne Glieder der wahren Kirche sein können? — Wo haben wir endlich ausgesprochen, daß man an die Kirche glauben müsse? Wir wissen recht wohl, an etwas glauben, heißt, sein Vertrauen auf etwas setzen. Wir ersehen hieraus, Hr. N. möchte uns gern in den Ruf bringen, daß wir die Kirche zu unserem Gott oder vielmehr zu unserem Götzen machten;*) daher er sich denn auch nicht entblödet, S. 57 uns in den Busen zu schieben, daß wir „die Kirche über das Christenthum stellten." Wenn wir darauf dringen, die Kirche nicht zu verlassen, so ist dies eine Aufforderung, Christum, das reine Evangelium, die Wahrheit, die Lehre der allgemeinen christlichen Kirche nicht zu verlassen noch zu verleugnen. — In nächster Nummer werden wir nun schließlich zeigen, in wiefern wir unter lutherischer Kirche eben keine andere, als die einzige, alte, wahre, allgemeine, apostolische, christliche Kirche verstehen. *) Wem man beimißt den Glauben an die Kirche, den macht man zu einem Glaubensbruder der Arianer und Jesuiten. Bekannt ist nehmlich aus Sokrates und Sozomenus, daß die Arianer auch einst in ihrem Glaubensbekenntniß schrieben: „Wir glauben auch an eine katholische Kirche." Sie thaten dies arglistig darum, damit sie auch sagen konnten: „Wir glauben an Christum," obgleich sie ihn nicht für wahren Gott hielten. In jener Verfälschung des apostolischen Glaubensbekenntnisses sind den Arianern die Jesuiten gefolgt. Dies that z. B. ein jesuitischer Missionar, der eine Schrift herausgegeben hat unter folgendem Titel: „Der allgemeine apostolische Glaubensartikel: Ich glaube an eine heilige apostolische und katholische Kirche. Ein apostolischer Ausspruch, der weder den Katholischen an seinem Glauben noch den Unkatholischen an seinem Irrthum zweifeln läßt; in den apostolischen Missionen vorgetragen von P. Adamo Flotto, der Gesellschaft JEsu Priestern, in Druck gegeben mit Erlaubniß der Oberen. Augsburg und München. 1729." (Fortsetzung folgt.) Die Generalsynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Nord-America. In der „Lutherischen Hirtenstimme" vom 1. Juli dieses Jahres findet sich die Fortsetzung von einem Auszuge aus den Verhandlungen der 13. zweijährlichen Sitzung des obengenannten Körpers. In diesem Auszuge lesen wir u. a. Folgendes: „Pastor Wyneken von Baltimore sprach sich zu verschiedenen Malen gegen die Lehre und Gebräuche, Bücher und Zeitschriften der lutherischen Kirche aus und drohete gegen dieselben zu zeugen. Die Synode hörte gutmüthig dieser spaßhaften Motion zu, und legte dieselbe auf den Tisch." Dieser Bericht sucht die Leser glauben zu machen, Herr Pastor Wyneken sei ein Feind der lutherischen Kirche geworden, während doch alle Freunde dieser Kirche hoffend auf ihn, als auf einen muthigen Zeugen für dieselbe, blicken. Wir können jedoch unsere Leser aus guten Quellen versichern, daß obiger Bericht lügenhaft abgefaßt ist. Herr Pastor Wyneken hat nehmlich nicht gegen die Lehre ꝛc. der lutherischen Kirche überhaupt gesprochen, sondern gegen die falsche Lehre ꝛc., welche durch die Glieder der genannten Generalsynode als lutherische Lehre verbreitet wird. Aus dem, was an dem Berichte wahr ist, ersieht übrigens der g. Leser, welch ein Geist in der sogenannten Generalsynode herrsche. Denn gesetzt, dieselbe wäre in der Lehre so rein, wie St. Paulus, so muß ihr doch der Unterschied zwischen reiner und falscher Lehre nur ein Scherz sein, denn wenn ein Zeuge wider sie auftritt, der sie falscher Lehre beschuldigt, so verantwortet sie sich nicht, wie unser hochgelobter Heiland selbst und alle Propheten und Apostel und alle rechtschaffene Diener Christi und seiner Kirche gethan haben, sondern sie findet ein solches Zeugniß nur „spaßhaft," legt die schriftliche Aufforderung auf den Tisch und spricht entweder mit Pilato spöttisch: „Was ist Wahrheit?" oder als die dictatorische Gewalt der lutherischen Kirche mit jenem Liede: Wir haben's Recht und Macht allein, Was wir setzen, das gilt gemein, Wer ist, der uns soll meistern? Das Wesen des Glaubens. Daß etliche nicht verstehen, wie der Glaube allein gerecht macht, ist Ursach, daß sie nicht wissen, was der Glaube ist, haben's auch nie erfahren, sondern lassen sich träumen, der Glaube sei eine Beschaffenheit, so in der Seele verborgen. Aber wenn das Wort Gottes erschallt, welches die Wahrheit ist, und das Herz sich an's Wort hält durch den Glauben, so wird das Herz erfüllt mit der Wahrheit des Wortes und durch das Wort der Wahrheit gewiß gemacht. Also wenn man ein kaltes Holz an ein glühend Eisen hält, so wird es von dem Eisen entzündet und fängt an zu brennen. Wenn nun das Herz also mit dem Wort erfüllt ist, so werden bald alle Kräfte und Glieder auch also verwandelt. Denn was das Herz thut, das thun auch alle Glieder, dahin sich das Herz neigt, es sei gut oder böse. Und also wird es dem Menschen gerechnet zur Gerechtigkeit um des Glaubens willen an's Wort. — Luther. Werke. Hall. XIX, 1736. Prüfe hiernach, l. Leser, wie jetzt gewöhnlich vom Glauben gepredigt wird, so wirst du finden, daß ihn die meisten nicht anders beschreiben, als „eine Beschaffenheit, so in der Seele verborgen ist." Man verwechselt nehmlich die Erneuerung und Heiligung, welche eine Frucht des Glaubens ist, mit der Rechtfertigung; daß des Glaubens Wesen darin besteht, daß er sich an das Wort hält, davon hört man jetzt nur selten etwas. Wache darum, lieber Leser, daß du nicht betrogen wirst. Viele reden jetzt viel vom Glauben und predigen doch den Glauben nicht. Gedruckt bei Weber und Olshausen.