# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1851 01 07_S76 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) . meinde nicht zu verſchließen, verſtand ſich Herr Picker ſelbſt dazu, ſo oft er ſeine Lichtreligions⸗ vorträge hielt, zuvor gewiſſe Abſchnitte aus dem Buche der Chriſten vorzuleſen, hie und da ſelbſt Chriſti lobend zu gedenken und zu erklären, daß dieſer Weiſe von Nazareth eigentlich ganz mit ihm übereinſtimme, um ſeiner unaufgeklärten Zeit willen aber nicht gewagt habe, die Wahr— heit ſo ohne alle orientaliſche Bilder wie er (Herr Picker), herauszuſagen. So bewunderungswür⸗ dig aber ſchon hiernach die Liberalität dieſes Mannes unſern Leſern erſcheinen muß, ſo war ſie doch hiermit noch nicht erſchöpft. Da es in St. Louis Leute giebt, deren religiöſes Gefühl ſo krank iſt, daß ſie ſelbſt in den eklig ſüßlichen Witſchelſchen Morgen-und Abendopfern förm⸗ lich ſchwelgen können, gab ſich Herr P. ſelbſt dazu her, zur Befriedigung auch dieſes Bedürf— niſſes regelmäßig zum Schluſſe jeder Rede das Witſchelſche Vaterunſer mit erhabener Stimme und in der geeigneten Stellung ſeines Leibes vorzutragen und damit den bezeichneten Seelen wenigſtens einen ſüßen Nachtiſch nach ihrem ſon— derbaren Geſchmacke zu bereiten. Alle dieſe ge— wiß zweckgem en Maaßregeln verfehlten nun frei⸗ lich auch ihren Zweck keineswegs; ſie brachten Herrn P. etwas Erkleckliches ein. Der raſtloſe Mann ſoll ſich bereits eine ſo achtbare Stellung unter den Eigenthümern errungen haben, daß er nun für jeden Fall, und ſelbſt wenn ſeine treue Ge— meinde ſo undankbar werden könnte, ihren treuen Hirten 'ns Elend ſenden zu wollen, gerüſtet wä⸗ re und ſein Eryl mit ſtoiſcher Ruhe würde ertra⸗ gen können. Der Zweck der Aufklärung iſt frei⸗ lich dabei mehr und mehr in den Hintergrund getreten, ohne daß es die aufgeklärte Parthei der Gemeinde wahrnahm, bis neueſter Zeit ein ge— wiſſer aufgeklärter Hauſirer (er ſoll ſich Clemen nennen) in unſere Stadt kam. Dieſer ſoll dem Kirchenrathe ziemlich ernſte Wahrheiten über den ſtagnirenden Zuſtand der Gemeinde geſagt, hier— auf eine ſtrenge. Kirchenviſitation gehalten und Herrn P. das Gelübde abgenommen haben: von nun an mit dem immer ſchneller fortſchreitenden Zeitgeiſte beſſer Schritt zu halten und ohne allen Eigennutz, wie er es in kränkender Anſpielung nannte, ſich die Verbreitung des reinen Lich— tes angelegen ſein zu laſſen. Herr P. jedoch erkennend, daß es nun allerdings an der Zeit ſei, die noch immer Schwachen ihrem Schickſale zu überlaſſen, erklärte ſich zu allem bereit. Man ſollte ſich nun freilich denken, daß unſere aufgeklärten Deutſchen das Vergangene billiger⸗ maaßen vergeſſen und das von Hern P. wenn auch nicht raſch, doch mit großer Vorſicht begon⸗ nene und nun feſter begründete Werk auch mit neuem Muth und Eifer zu unterſtützen ſich be— re it gezeigt haben würden. Aber weit gefehlt! Lei⸗ der! hat man auch hier wieder die Erfahreng ma⸗ chen müſſen, daß man in Freiſtaaten große, für das gemeine Wohl ſich aufopfernde Männer, wenn ſie eben auf dem Gipfel ihrer Beſtrebungen ange⸗ langt ſind, dann gewöhnlich undankbar beſeitigt und wie ein abgenütztes Werkzeug wegwirft. So hat ſich denn eine „neue freie Gemeinde“ in St. Louis gebirdet, welche, an einer gründli⸗ —ꝛ 66x7x6cfJ‚JJ—J‚ RRRRee æ ꝓSSPDĩꝛSĩͥĩSĩ — 76— chen Reformation der Pickerſ'chen Religionsge— ſellſchaft verzweifelnd, C!) unabhängig von der— ſelben das Werk der Aufklärung in dieſem dunklen Abendlande betreiben will. Wie wir hören, haben ſich dabei die einflußreichſten und freiſinnigſten Deutſchen ſelbſt aus dem achtbaren Handelsſtan— de allhier betheiligt. Der „Anzeiger des Weſtens“ hat bereits Statuten für die freie Gemeinde mitgetheilt. Wir können jedoch kaum glauben, daß dieſe die wirklichen Statuten derſelben ſind, ſondern fürchten faſt, daß irgend ein Nankee ſich den unerlaubten unſchicklichen Spaß gemacht hat, durch dieſe angebliche Conſtitution uns arme Deutſche vor den Eingeborenen als den guten alten Michel darzuſtellen. Darin heißt es nem⸗ lich ſtellt: 1. Erziehung der Jugend durch zweckmä⸗ ßigen Unterricht, von welchem aller ſogenannter Religionsunterricht aus geſchloſſen iſt, an deſſen Stelle der Unterricht der reinen Moral oder Sittenlehre tritt; 2. die Er— kenntniß und Verehrung Gottes ꝛc. ꝛc. Hiernach wird uns Deutſchen nach dem erſten Satz untergelegt, wir wollten eine Moral ohne Religion, alſo eine Moral ohne Erkenntniß un— ſerer Verbindlichkeit gegen Gott, alſo eine Mo— ral ohne Moral: nach dem zweiten Satz hin⸗ gegen ſollen wir Deutſchen den erſten Satz ſchon wieder vergeſſen haben, und nach dieſem doch wie— der Erkenntniß und Verehrung Gottes, alſo Re⸗ ligion wollen! Ferner heißt es in dem I. Capitel der angebli— chen Conſtitution: „durch eigenes Anſchauen und Denken —zu forſchen, iſt die heilige Aufgabe eines Jeglichen von uns; denn nicht durch Cin⸗ prägung fremder Erkenntniße wird uns die Wahrheit zu Theil; nicht von Außen inden Men⸗ ſchen hinein, ſondernvon innen heraus leuchtet das Licht der Wahrheit.“ Dieſe Worte ſind nun zwar recht gut geſetzt für eine „freie Gemeinde“ allein was thut der ſchlaue Autor dieſer ſo großartigen Interpolation? Unten im III. Capitel ſtellt er ſich, als hätte er das Obengeſagte wieder ganz vergeſſen und ſchiebt einer ſolchen freien Gemeinde die Abſicht unter, ihren Grundſätzen zuwider dennoch einen „Leh— rer“ für Jung und Alt beſtellen und wie andere unaufgeklärte Leute in die Schule und Sonn⸗ tags in die Kirche gehen zu wollen. Leute, aus deren Innern das Licht der Wahrheit ſo hell herausleuchtet, daß ſie, wo es möglich wäre, auch die finſterſte Vorzeit leicht erhellen könnten, wer⸗ den ſich ſchönſtes bedanken, ihre durchleuchteten und erleuchtenden j. Sprößlinge erſt mit Fibel und Adam Rieſens Rechenbuch in eine Schule zu ſchi⸗ cken, um denſelben da „fremde Erkenntniſſe ein⸗ prägen zu laſſen ‚oder gar ſelbſt mit einem Ge⸗ ſangbuch unter dem Arme ſpießbürgerlich zur Kir⸗ che zu wallen, um ſich da von einem aufgeklärter ſein wollenden Prieſter ſeiner Vernunft „die Wahrheit von außen hinein leuchten zu laſſen!“ Ahnlich verfährt unſer Statutenmacher in Betreff des Punktes der „öffentlichen Glaubens⸗ bekenntniſſe.“ Oben im J. Capitel ſagt er ganz rich⸗ tig, eine ſolche freie Gemeinde „darf niemals ein Glaubensbekenntniß zu dem Zwecke aufſtellen, das z. B.: „Der Verein hat ſich das Ziel ge⸗ Denken des Einzelnen zu feſſeln und zu binden; vielmehr erachtet ſie jegliche Satzung, durch wel⸗ che der Freiheit des denkenden Menſchengeiſtes Eintrag geſchieht, für der Sünden erſte und größte.“ Im III. Capitel aber heißt es: „Dem Vorſtand ſteht die Controle über des Lehrers Dienſtleiſtungen zu; er hat ſowohl den Unter⸗ richt, ſowie auch die Reden vor der Gemeinde zu überwachen, damit beides mit den ausgeſprochenen Grundſätzen in Einklang ſtehe.“ Hiernach bür— det der BVerfaſſer der freien Gemeinde auf, ſie achte es zwar für der Sünden größte, wenn An⸗ dere ſie an ihre Grundſätze binden wolle, aber für der Sünden keine, wenn hingegen ſie Ande— re an die ihrigen binden wollte: ſie ſelbſt wolle zwar nur aus lauter freien Leuten beſtehen, ihr Prediger aber ſolle ihr gutmüthiger Jaherr, ja, nach einem andern Punkte als ein Uneingeweih⸗ ter von Sitz und Stimme in ihrer erleuchteten Verſammlung ausgeſchloſſen ſein; und was das Tollſte iſt, ſelbſt ſie, eine ſo freie Gemeinde, ſolle noch ſo unmündig ſein, das Wächteramt über die vorſchriftmäßige Führung der „Lehre“ in Kirche und Schule nicht ſelbſt führen zu können, ſie ſolle ihre Herren Vorſteher „wachen“ laſſen wollen, um unterdeſſen fein ruhig und unbeſorgt ſchlafen zu können.— So arg nun der Verfaſſer der mehrgenann⸗ ten Conſtitution uns arme Deutſche ſchon hier— mit zum beſten halten zu wollen ſcheint, ſo wird doch dies alles noch dadurch überboten, daß er der Welt glauben machen will, die deutſche „freie Gemeinde“ zu welcher die angeſehenſten und ho— netteſten uuſerer Stammgenoſſen gehören, ſolle u. A. auch noch Folgendes feſtgeſetzt haben: „Der Lehrer erhält keinen feſten Gehalt, ſondern iſt auf das Schulgeld angewieſen, welches für jedes Kind auf 50 Cents pro Monat feſtgeſetzt wird. Er hat dasſelbe ſelbſt einzunehmen und über die Kinder, welche die Schule beſuchen, ſo wie über die Einnahmen der Schule Buch zu führen. Wenn die Einnahme des Lehrers aus den Schulgel⸗ dern nicht §300 (ſchreibe: dreihundert Dollars) jährlich beträgt, ſo iſt ihm die daran fehlende Summe aus der Gemeindskaſſe zu erſtatten. O ihr armen aufgeklärten Leute, heißt das nicht arg mit euch Spott treiben? Iſt's nicht impertinent, daß man euch zutrauen will, ihr achtetet die Auf⸗ klärung ſo ſchlecht, daß ihr einem Manne, der ſie für euch von Amtswegen alle ſieben Tage in der Woche verbreiten muß, einen Lohn bieten könntet, durch den er ſich mit knapper Noth vom Hungerto⸗ de retten kann, daher er wie die traurigen Beiſpiele am Tage liegen, ſicher auf einen Nebenverdernſt bedacht ſein müßte? Iſt's nicht impertinent daß man euch, wie durch eine Pfundroſe zu verſtehen geben will, ihr dürftet nur auf ſolche Bewerber hoffen, die erſt, nachdem ihnen alle Speculationen verunglückt ſeien, aus reiner Verzweiflung nun Apoſtel werden wollen. Doch wir brechen hier ab und ſchließen mit dem aufrichtigen Wunſche, daß die Honſtitution wirklich nur fingirt ſein möge; denn eine Ge⸗ meinde, die darauf gegründet wäre, würde nur darum den Namen einer „freien“ verdienen, weil ſie nicht nur frei von Chriſtenthum wäre,