# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 12 08_S66 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) gen des HErrn Abendmahl fragte, wie ſich doch gründlich darin zu ſchicken wäre; denn er ließe ſich bedünken, der Herr Präceptor hielt es in die⸗ ſem Punkte allerdings nicht mit Luthero. Hier⸗ auf antwortete Philippus Aemilio, daß Luthe⸗ rus von dieſer Sache gar zu ungeſchickt geſchrie⸗ ben; denn meineſt du, ſagte er, daß ſich CHri⸗ ſtus mit den Zähnen zerreiſſen und durch den Leib wieder verdauen laſſe? Als nun Aemilius auf dieſen Beſcheid ferner anhält, es wäre aber billig, daß der Herr Philippus dieſen Mißver⸗ ſtand mit Luthero vergliche, dieweil ſie beiderſeits noch lebten von wegen der Nachkommen, daß ſie nicht in Zweifel gelaſſen würden, welches jetzt und bei ihrem geſunden Leben und Vernunft wohl ge⸗ ſchehen könnte; antwortete Philippus zornig: Ja, ihr Harzländer (denn Aemilius war Lutheri Landsmann und Gefreundter) habt ſo harte Starrköpfe, daß wenn man gleich euch etwas ſa⸗ get, fo fahret ihr einem bald über das Maul, werfet einem den Sack für die Thür und laſſet Niemand nichts gut ſein. ßen zu vernehmen, Philippus habe Lutherum faſt in gleichem Verdacht gehabt, darin ihn die Schweizer hielten und fälſchlich bezüchtigten, als ſollte Lutherus die papiſtiſche Transſubſtantia⸗ tion oder ein Caparnaitiſches Eſſen lehren.“ Wir haben nun Melanch. Sinn und Verhalten nach Luther und bis zu ſeinem Tode, alſo in dem Zeitraume von 1546 bis 1560 zu erwägen. Kaum war Luther aus dieſem Leben geſchieden und kaum war das treffliche Zeugniß (leider das letzte dieſer Art) verhallt, das- Melanchthon bei deſſen Grabe abgelegt hatte, ſo offenbarte er in einem Briefe an den Geheimen Nath von Carlo⸗ witz eine ganz entgegengeſetzte Geſinnung, in⸗ dem er ihm (es iſt faſt unglaublich) Folgendes ſchrieb: „Ich will Euch mein ganzes Herz ent⸗ decken; bis hierher habe ich in einer, ich möchte ſagen, ſchändlichen Knechtſchaft gelebt, indem Lu⸗ ther mehr ſeiner Meinung und zwar mit nicht geringem Ehrgeiz, als dem gemeinen Nutzen diente.“ Mit dieſer Aeußerung ſtimmt ganz das Benehmen Melanchthons bei einem Vorfall überein, den der erwähnte Ratzeberger in einer andern Schrift berichtet. Als nämlich im Jahre 1547 Melanchthon den Ruf an die neu zu grün⸗ dende Univerſität in Jena, den er bereits ange⸗ angenommen, wieder ablehnte und ſeinen Weg von Weimar über Halle nahm, äußerte er zu den Kirchendienern und namentlich zu Dr. Goſd⸗ ſtein, die ihm als ihrem Lehrer das Geleit ga⸗ ben: „Er gedächte in Wittenberg wieder eine Univerſität zu ſammeln und nun ſei auch die Zeit gekommen, wo er ſelbſt ſeine Meinung offen berausſagen könne, was er bei Luther's Lebzei⸗ ten nicht gewagt hätte.“ Hierauf antwortete ihm Dr. Goldſtein: „Ei, lieber Herr Präceptor, wäret Ihr in etwas mit Luthero nicht einverſtan⸗ den geweſen, ſo hättet Ihr es, ſo lange er lebte, vorbringen ſollen, wenn Ihr aber jetzt eine an⸗ dere Lehre führet, ſo werdet Ihr gewiß Viele ſin⸗ den, die Euch widerſprechen.“ Auf dieſe Nede entfärbte ſich Philippus unterm Angeſicht und lief ihm ſeine vena hifureata an der Stirn auf, welches ein Anzeichen feiner E Srmutsaukregnns ——66— war, wendete ſich ſtuͤtzig von ihm ab und Rdeit weiter kein Wort mit ihm, ſondern zog, fort. Noch unverholener ſprach ſich Melanchthon gegen den Braunſchweig. Prediger Calean⸗ der aus, wie dieß Schlüſſelburz in der Theologie der Calviniſten erzählt. Caleander bat bei einem Beſuche Melanchthon um der Ehre Gottes — und der Wohlfahrt der Kirche willen, er möchte doch nur mit einem Blatte öffentlich ſeine Meinung vom heil. Abendmahle zu erken⸗ nen geben, ob er es mit Luther halte, woran ſehr viele zweifeln wollten, oder ob er dem Cal⸗ vin zu gethan ſei, welches die meiſten glaubten, weil die Sacramentirer in ihren öffentlichen Schriften ſeines Namens, Geduld und Still⸗ ſchweigens zur Ausbreitung ihres Irrthums mißbrauchten. Darauf antwortete Melanchthon im Zorn, er habe genug geſchrieben, wenn er aber gereizt würde, noch mehr zu ſchreiben, ſo wolle er eine Schrift herausgeben, durch welche dvie ganze Welt ſolle aufgeweckt werden. Calean⸗ Hieraus etlicherma⸗ der bat ganz demüthig und freundlich, er möchte die an ihn ergangene Bitte nicht übel deuten, er habe ſie darum gethan, daß er ihn gegen die⸗ jenigen entſchuldigen könnte, welche von ihm ſa⸗ gen, daß er nicht die Gegenwart des Leibes und Blutes Chriſti im Abendmahle glaube. Dar⸗ auf hob Melanchthon ein Stückchen Papier von der Erde auf und warf es gleich wieder weg, mit dieſen in größter Heftigkeit und Entrüſtung geſprochenen Worten: „Mein Herr Caleander, wenn der natürliche und wahre Leib Chriſti im geſegneten Brod des heil. Abendmahls iſt, wie Ihr glaubet, warum iſt ſein Leib nicht auch in dieſem Papiere? Als nun Caleander dieſe harte und untheologiſche Rede von Melanchthon gehört, iſt er traurig von ihm weggegangen. Als im Jahre 1549 Calvin und Mar⸗ tyr durch ihre Declaration mit den Zwinglia⸗ nern gemeinſchaftliche Sache machten, that Me⸗ lanchthon nicht das Geringſte dagegen und blieb auch fortwährend mit ihnen in freundſchaftlichem Vernehmen und da Andere gegen ſie ſchrieben, bezeugte er darüber ſein Mißfallen. Auch den übergetretenen Joh. a Lasco ließ er ſchalten und walten, wie er wollte. Dagegen erklärte er in den Jahren 1557 und 1559 den luth. Kir⸗ chen in Niederſachſen, daß er die Saeramen tirer verwerfe und in ſeinem deutſchen examen Ordi- nandorum bekennt er, daß er mirühnen, wenn ſie Calvin widerſprächen, in der Lehre einig ſei. Allein ſchon in dem letztgenannten Jahre gab er bei der Frankfurter Zuſammenkunft we⸗ gen der Beilegung der Lehrſtreitigkeiten eine ſehr unbeſtimmte, zweideutige, calviniſirende Erklä⸗ rung hinſichtlich der Lehre vom heil. Abendmahl, die aber trotz aller Einwendungen ihr Recht be⸗ hauptete. Im Jahre 1559 verfaßte er im Auf⸗ trage des Churfürſten von der Pfalz ein Gut⸗ achten, wie die zwiſchen dem damals noch treu luther. Heshuſius und dem caloiniſch ge— ſinnten Klebitz entſtandene Lehrſtreitigkeit beigelegt werden könnte, worin er rieth, beide ihrer Aemter zu entſetzen. Im Jahre 1560 ſchrieb er in ähnlichen Angelegenheiten an den Berner Prediger Hardenberg, der ſchon drei Jahre Hun der nueänd. Augsb. Conf. durch ein Melanch⸗ erteige falſcher Lehre durchſäuerten Loci theol. v. gekommen, daß die luth. Lehre nur noch an we⸗ lang mit den keckſten Angriffen auf den 10. Ari. thoniſch Wittenbergiſches Gutachten begünſtigt, fortgefahren“ hatte, dies Feuer ſchürte er noch mehr, indem er ihm ſchrieb: „Ich ermahne Euch, wenn ſie mit Euch Streit anfangen (nämlich dit rechtgläubigen Theologen Heshuſius, Martin u. A.), daß Ihr Euch das Necht vorbehaltet, Tuch auf P. Martyr, mich und andere Freundt zu berufen.“ Dieſer Brief, ſo wie der Wunſch auf dem nach ſeinem Tode auf ſeinem Schreib tiſche ge⸗ fundenen Zeddel, Gott wolle ihn von der Wuth der Theologen befreien, womit er natürlich nur die meinen konnte, die ſeine Abweichungen ſtraf⸗ ten, — dieß ſind unſers Wiſſens die letzten be⸗ trübenden Andeutungen ſeiner veränderten Geſin⸗ nung. Dieſe Hinneigung Melanchthons zur re⸗ form. Lehre war die Quelle der immer weitern und offenkundigern Verbreitung derſelben, der; Beſtärkung der Widerwärtigen in falſcher Lehre. der vielfachen ſchweren Aergerniſſe der Recht⸗ gläubigen, des allgemeinen Abfalles von der luth. Lehre, ſo wie aller der Zerrüttungen, die daraus hervorgegangen ſind. Die Schüler Me⸗ lanchthons, welche von dem Anſehen ihres Leh⸗ rers allzuſehr eingenommen waren und ihn fuͤr einen zweiten Luther hielten, hatten die einfluß⸗ reichſten Kirchenämter inne und fanden ſo Gele⸗ genheit genug, die calviniſchen Irrthümer fort⸗ zupflanzen; dieß geſchah beſonders vermittelſt des Corpus doctrinè christiane, eines Buchs, das mehrere Schriften Melanchtons z. B. die verän⸗ derte Augsb. Conf., die ebenfalls mit dem Sau⸗ enthielt und den luth. Gemeinden als ein ſym⸗ boliſches Buch aufgedrungen wurde. Es wan ſchon zwanzig Jahre nach Luthers und ſechs Jahre nach Melanchthons Tode (1566) ſo weit nigen Orten oͤffentlich im Schwange ging. Das Sachſenland, früher ein ſchönes Paradies, wo die reine Lehre ſo lange grünte, blühte undzrucht brachte, wurde mit dem Unkraut der calviniſchen Lehre überzogen und ſelbſt als es endlich durch Hülfe der Concordienformel vertilgt zu ſein ſchien, wuchs es doch bald darauf durch die Um⸗ triebe des Canzlers Crell, ſchimpflichen An⸗ denkens, von Neuem wieder auf. Auch in Da⸗ nemark und Schweden drang dieſe Irrlehre im⸗ mer ſtärker ein; namentlich aber können wit hinſichtlich der Churpfalz und Bremens und ih⸗ res völligen Abfalles zur reform. Lehre nicht ge⸗ nug die Wunden beklagen, welche Melanchthon ſeiner und unſerer Mutterkirche dadurch geſchla⸗ gen hat; und ſtammt nicht auch das Trugbild der heutigen Union mit allem dem Unheil, das ſie der luth. Kirche durch Losreißung vieler Tau⸗ ſend ihrer Kinder gebracht hat und noch bringt urſprünglich von jener falſchen Richtung her, von welcher der „Kirchenfreund“ ſo viel Rüh⸗ mens macht; hat ſich Melanchthon dabei wict lich auf Gott wohlgefällige und heilſame Weiſt „ſo beſänftigend und lieblich erquickend b6 wieſen,“ — war ſein Einfluß wie der Luthen „gleich nothwendig zur Gründung der luth.