# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 11 10_S54 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Singen in die Kirche kommen. Man kann auch nicht ſagen: „Hat man bisher ſo geſungen, wa⸗ rum ſoll man nicht noch länger ſo ſingen kön⸗ nen?“ Darnach dürfte man nie und uirgends den alten Schlendrian ausfegen. Alſo friſch ans Werk! Wir habeu nun geſehen, daß eine Verbeſſe⸗ rung unſeres Kirchengeſanges nöthig iſt; wir haben uns auch davon überzeugt, ſie beſtehe ganz einfach darin, daß man eben die Choräle ſingt, wie ſie urſpringlich geſchrieben wurden, ohne Schnörkel, lang was lang und kurz was kurz ſeyn ſoll, nicht Alles, Freudiges und Trauriges, über einen Leiſten, nicht ſo träg und ſchläfrig, daß man kaum zwei Noten mit einem Athemzug ſingen kann, ohne Zwiſchenſpiele. Es handelt ſich nun um die Frage: Iſt es möglich, ſo zu ſingen, jetzt wieder ſo zu ſingen, nachdem man wenigſtens hundert Jahre lang nicht mehr ſo ge⸗ ſungen hat? Daß man ſo ſingen kann, beweiſt zuerſt der Umſtand, daß man früher wirklich ſo geſungen hat; das geht unwiderſprechlich hervor aus den alten Choral⸗ und Geſangbüchern, in denen die Melodieen noch in ihrer urſprunglichen Weiſe zu finden ſind; in die druckte man ſie, wie man ſie wirklich ſang. Es war, beiläufig geſagt, gar nicht ſo übel, die Melodieen in die Geſangbücher hineinzudrucken; noch beſſer iſts freilich, ſie zu Jedermans Gebrauch beſonders zuſammenzu⸗ drucken, verſteht ſich nur die oberſte Stimme, die eigentliche Melodie, nicht auch die begleitenden Stimmen dazu, wodurch die meiſten Leute nur verwirrt werden würden. Es iſt das Bequemſte und Zweckmäßigſte; denn wenn die Melodieen »ins Geſangbuch hineingedruckt werden, ſo kann mau natürlich jede Melodie nur an irgend einem Ortes einmal abdrucken; da hat man aber eben die Melodie nicht immer vor ſich, wenn man ſie braucht, und es gibt ein ewiges Hinundherge⸗ blätter. Darum iſt es beſſer, die Melodieen, beſonders gedruckt, neben dem Geſangbuch zu haben; um einige Kreuzer könnte man ſie ſo zu⸗ ſammendrucken; die 12, von denen die Rede war, ſind ſchon jetzt für einen Kreuzer zu haben (bei Herrn Pfarrer Wiener in Kurzenaltheim bei Gunzenhauſen in Baiern). Daß man wieder ſingen kann, wie man früher geſungen hat, geht auch daraus hervor, daß man ſchon an gar vielen Orten dieſen guten alten Choralgeſang wieder eingeführt hat. Es iſt gegangen, die Leute haben eine Freude daran, ſie ſingen die alten Melodieen in Haus und Feld, was bei den neumodiſchen geſchnörkel⸗ ten und gedrechſelten, lahmen und langweiligen höchſt ſelten oder gar nie geſchah. Natürlich; das Volk hat nur das Volksthümliche gern, die neumodiſchen Melodieen ſind aber gar nicht volks⸗ thümlich, während es die guten alten in hohem Grade ſind. Aber wie hat mans dahingebracht, daß man die alten Melodieen ſang, wie kann mans dahin bringen? Wirds keine Störungen und Unbequem⸗ lichkeiten geben, wenn man den alten Choralge⸗ ſang wieder einführen will? werden nicht gar viele Leute erſt zuhören müſſen, ehe ſie wieder mitſingen können? — Ich kann und will das Alles nicht leugnen; freilich müſſen die Leute, bis eine Melodie Weht, recht aufmerkſam mehr hören, als ſingen, ſich im Singen mäßigen, be⸗ ſonders die vorlauten Schreier (man ſoll ohne⸗ — 54 — hin in der Kirche weder zu ſchwach noch zu ſtark, ſondern mit mäßig ſtarker Stimme ſingen, wir wollen weder ein Gezwitſcher noch ein Geſchrei in der Kirche); aber ich ſage gegen alle dieſe Bedenklichkeiten und Schwierigkeiten: Man ſcheut die Unbequemlichkeiten und Unannehmlich⸗ keiten nicht, die es verurſacht, wenn man eine Kirche wiederherrichten will; man ſcheut die Un⸗ bequemlichkeiten und Unannehmlichkeiten nicht, die mit dem Ausweißen oder Ausmalen eines Zimmers, mit dem Anſtreichen eines Hauſes u. dgl. verbunden ſind: ſo ſollte man auch die Un⸗ bequemlichkeiten und Störungen nicht ſcheuen, die allerdings unvermeidlich ſind, wenn man den alten Choralgeſang wieder einführen will; der gute Zweck iſt wohl eines ſolchen Opfers werth, und es handelt ſich nur um eine kurze Zeit, dann geht wieder Alles gut, und noch beſſer, als zuvor. Die Geſangreformation, von der die Rede iſt, muß nun der Natur der Sache nach von den Pfarrern, Cantoren und Organiſten ausgehen. Freilich iſt da zu beklagen, daß dieſe zum Theil nicht können oder nicht mögen. Es gibt Pfar⸗ rer, die, allerdings eigentlich ohne ihre Schuld, von der Muſik, auch nur vom Choralgeſano, we⸗ nig mehr verſtehen, als (wie man im Sprich⸗ wort ſagt) der Eſel vom Lautenſchlagen. Denn während ſonſt Jedermann Alles lernen muß, was er zu ſeinem Beruf brancht: ſo hat bisher in der Regel kein Menſch darnach gefragt, ob ei⸗ ner, der ein Pfarrer werden will, auch ſo viel Muſik lerne oder gelernt habe, als er in ſeinem Amte braucht. Daher iſts aber auch gekommen, daß ſo viele Pfarrer ſich Alles müſſen gefallen laſſen, was ihre Cantoren und Organiſten auf der Orgel thun und treiben; ſie können ihnen nichts ſagen, weil ſie nichts von der Sache ver⸗ ſtehen; deswegen heulen oder brüllen ſo manche Pfarrer an den Altären, anſtatt zu ſingen. Doch das ſoll, wie ich höre, beſſer werden; man will ſich mehr, als bisher, um die muſikaliſche Bil⸗ dung der künftigen Pfarrer bekümmern; auch mancher alte Pfarrer ſchämt ſich nicht, noch ein Sing⸗oder Muſikſchüler zu werden, und das iſt recht. „Was man nicht kann, ſteht einem zu lernen nicht übel an!“ So viel, als ein Pfarrer Muſik braucht, läßt ſich bei einigem Geſchick und gutem Willen, und wenn einer nicht ſchon gar zu alt iſt, gar wohl noch nachlernen; der Pfarrer ſoll ja kein vollendeter Muſiker werden. — Doch ich darf und will nicht blos über die muſikaliſche Un⸗ tuͤchtigkeit ſo mancher Pfarrer klagen; auch Can⸗ toren und Organiſten gibt es noch, die keinen Choral ordentlich ſiugen und ſpielen können, und die zu alt und ungeſchickt ſind, es beſſer zu ler⸗ nen. Wo es nun mit Cantoren, Organiſten und Pfarreru ſo ſteht, da iſt freilich vor der Hand nichts zu machen, und man muß beſſere Zeiten abwarten. Doch ſtehts nicht überall ſo ſchlimm, es gibt genng Gemeinden, wo es in dieſer Beziehung beſſer ausſieht, wo die Pfarrer können und mögen, Cantoren und Organiſten wenigſtens können. Allerdings fehlt es bei den letztern manchmal am Mögen; ſie ſind ſo in den alten Schlendrian hinein gebannt, ſo in der neu⸗ modiſchen, weltlichen Muſik erſoffen, daß ſie für die alte Muſck und für den alten Choral gar kei⸗ nen Sinn und Geſchmack haben. Da ſollen ſich nun die Pfarrer die Mühe nicht verdrießen laſſen, ſie zuerſt eines Beſſeren zu belehren; wollen ſie dann nicht, nun dann müſſen ſie; denn Can⸗ toren und Organiſten, wenn ſie ſich auch zehn⸗ mal Chorpegenten und Muſikdirectoren nennen und nennen laſſen, ſtehen unter dem Pfarrer, und müſſen bei allen kirchlichen Handlungen thun nicht was ſie wollen, ſondern was er will. — Wo nun der Pfarrer an das Werk der Geſang⸗ reformation Hand anlegen kann und mag, da ſoll er den Leuten erſt auseinander ſetzen, um was es ſich handelt, daß der Choralgeſang an⸗ ders werden muß und kann. Ueberrumpeln ſoll man die Leute mit der Sache nicht; es macht die Lente böſe, und nützt nichts; hier, wie über⸗ all, ſoll man ehrlich und offen zu Werke gehen. Dieſe Belehrung über Nothwendigkeit und Mög⸗ lichkeit einer Geſangreformation ſoll nun der Pfarrer ganz getroſt in der Kirche, auf der Kan⸗ zel, in oder nach der Predigt, geben. „Aber ſchickt ſich das in die Kirche und auf die Kan⸗ zel?“ O lieben Leute! Wie lange ſoll denn die Kanzel noch ein Käfig ſein, darein man den Pfar⸗ rer ſperrt, daß er ſich nicht frei bewegen kann; wie lange will man noch den Chorrock als eine Zwangsjacke betrachten, in der der Pfarrer nicht thun kann und ſoll, was das gegenwärtige Be⸗ dürfniß ſeiner Gemeinde verlangt, ſondern was die Meiſter der „Kanzelberedtſamkeit“ auf ihren Studirſtuben ausgeheckt haben; wie lange noch will man die Pfarrer zwingen, daß ſie einer wie alle, und alle wie einer, auf der breit und hart getretenen, ſtaubigen Heerſtraße dieſer ſogenann⸗ teu Kanzelberedtſamkeit einherſchreiten wie Drahtpuppen oder Paradeſoldaten oder allen⸗ falls auch wie Sclaveu mit einem Knebel im Mund und mit Ketten an Händen und Füßen, unfähig zu ſagen und zu thun, was gerade jetzt an der Zeit und am Ort wäre? Es iſt gar nichts von der Kanzel ausgeſchloſſen, was irgend⸗ wie das kirchliche und das Gemeinde-Leben berührt; alles darauf Bezügliche iſt nicht wi⸗ der die Würde und den Anſtand der Kirche und der Kanzel. Alſo mag der Pfarrer gar wohl auch ein Wort über Kirchengeſang in der Kirche und von der Kanzel aus an die Gemeinde richten. Hat er das gethan, dann mag er die Choräle mit einigen Gemeindegliedern, die Luſt dazu ha⸗ ben, in eigener Perſon oder mit Hulfe des Cau⸗ tors und Organiſten, einüben, damit nicht blos die Schulkinder oder der Chor (die, wie ſich von ſelbſt verſteht, die alten Melodieen ler⸗ nen müſſen) den Geſang leiten, ſondern auch noch andere Leute in der Gemeinde. Die Erfah⸗ rung hat bewieſen, daß die Leute ſchon zu ſolchen Singſtunden kommen, und noch dazu gern kommen. Beim Erlernen der Melodieen wirds gut ſein, wenn die Leute Noten haben. Lernen ſie auch nicht foͤrmlich nach Noten ſingen, ſo ſehen ſie an den Noten doch, ob es hinauf oder hinunter geht, was länger oder kürzer geſungen werden muß. Es geht gewiß mit Noten leichter und ſchueller, als ohne Noten. Die Melodieen müſſen auch recht genan und pünktlich, ſicher und feſt eingeübt werden, nicht oberflächlich und ſchwankend; ganz, oder gar nicht. 1— man ſo weit gekommen, daß mau es für räthlich hält, eine neu eingeübte Melodie beim Gottesdienſt ſingen zu laſſen, ſo wird man läu⸗ gere Zeit Lieder nach ein und derſelben Melodie ſingen laſſen müſſen. Das iſt freilich für den