# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 10 13_S28 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) — 28— in ihren eigenen Werken fälſchlich ruhend, alſo dem Gerichte Gottes entgegen führt, ſo doch all⸗ ein die ſtellvertretende Genugthuung Chriſti es iſt, welche uns, ſo wir gläuben, den Troſt ver⸗ leiht, daß wir vor Gottes Gericht nicht mehr er⸗ ſchrecken dürfen, wie Chriſtus ſpricht im Johanne: „Wer an den Sohn gläubet, der kommt nicht in das Gericht, ſondern iſt vom Tod zum Leben hin⸗ durchgedrungen. Allein dem Liederdichter iſts nicht genug, daß er ſchlechthin lehrt, das Ver— trauen des Herzens auf das eigne Thun zu ſtel⸗ len, ſondern zeigt auch an, wie man ein ſolches gutes Herz überkommen könne: es heißt Vers 5. „Daß du dieſes Herz erwirbſt, fürchte Gott, und bet und wache:“ Hier, meine ich, iſt die metho⸗ diſtiſche, ja rationaliſtiſche und pelagianiſche, die Lehre vom freien Willen und menſchlichen Kräf— teu klar und deutlich ausgeſprochen, alſo, daß man nach Inhalt dieſes Liedes nicht nur keinen ſtellvertretenden Chriſtus, ſondern auch keinen heiligen Geiſt von Nöthen hat, welcher den Glau⸗ ben in dem Menſchen wirke, durch die göttlichen Gnadenmittel, durchs Wort und Sacrament, und nicht durch eigne Bexeitung und eigne Werke, wie dieſer Liederdichter ſagt. O! wenn man die herrlichen Bekenntnißſchriften unſerer Kirche, namentlich, die ſo gediegene Concordienformel, in der Lehre vom freien Willen und menſchlichen Kräften, dieſem Liede entgegen hält, ſo wird man bald ſehen und finden, wie weit dieſes Lied von rein Lutheriſcher und Pauliniſcher Lehre abweicht; ja, wie St. Paulus und dieſes Lied einander geradezu ent gegenſtehen, wie Licht und Finſter⸗ niß, und St. Paulus würde ohne Zweifel ſein Anathema rauſchen laſſen in Kraft des heiligen Geiſtes, nach Galater 1. Kap. und Luther ſagt wohl recht: „Viel ſalſcher Meiſter jetzt Lieder dichten, Sitch dich wohl für und lerne ſie recht richten, Wo Gott hinbaut ſein Kirch und ſein Wort, Da will der Zeuſel ſein mit T Et. Paulus und Lutherus wiſſen keinen an⸗ derm Grund, in welchem der Sünder Troſt und Frieren ſinden kann, als allein Chriſtum und ſein Blutvergießen, darauf weiſet uns auch Jo⸗ hannes der Täufer mit heiligem Finger; durch ihn müſſen wir alle vor Gott gerecht werden, durch den Glauben allein, und nicht durch Ver⸗ dienſt der Werke, gleichviel, ſei es St. Paulus, die Mutter Gottes, oder der Schächer am Kreuz, welcher ain Ende ſeines Lebens noch gläubig wurde an Chriſtum. Und o! welch ein großer Troſt, daß Chriſti aufgeſpaltene Seitenhöhle noch die Freiſtatt für uns ſein will in der letzten Tovesſtunde noch, weln das Herz im Glauben ſe Das penſylvani⸗ ſche Geſangbuch ſcheint alerwint 8⁸ daſer, Mei⸗ nung nicht zu ſein, denn Nr. 628, V. 7 heißt es dort: „Ein Seufzer in der letzten Noth, ein Wunſch durch des Erlöſers Tod vor Gottes Thron gerecht zu ſein, dies macht dich nicht von Sünden rein:“ Hierüber iſt kaum Noth, ein Wort zu ſagen, denn auch der einfältigſte Chriſt weiß aus Gottes Wort, daß Gottes Gnade über⸗ ſchwenglich groß iſt, ziehet aber dieſelbe nicht auf Muthwillen, wartet nicht, bis ſein letztes Stünd— Trug und mit Mord.“ lein herannahet, ſondern ſucht ſchon bei Zeiten ſich bekannt zu machen mit herrlichen Sterbelie— dern, wie es z. B. im St. Louis Geſangbuch unter anderem heißt, Nr. 407. „Ich bitt durchs bittre Leiden dein, Du wollſt mir Sünder gnädig ſein, Wenn ich nun komm in Sterbensnoth, Und ringen werde mit dem Tod.“ Zu einem ſolchen ſeligen Stündlein verhelfe uns unſer Herr „Chriſtus, unſer Troſt, der uns durch ſein Blut hat erlöst, von's Teufels G'walt und ew'ger Pein, ihm ſei Lob, Ehr und Preis allein;“ und laſſe auch die herrlichen, reinen, unverfälſchten Lieder der Kirche dazu dienen, ſchon hier des Herrn Lob zu ſingen, bis wir einſt vor des Lammes Thron ewiglich einſtimmen wer— den in die Lobgeſänge der Auserwählten, „die ihre Kleider gewaſchen und helle gemacht haben im Blute des Lammes:“ die nicht auf ihre eigne Buße ſich ſtützen, ſondern auf die vollkommene Genugthuung Chriſti, welche er an unſrer Statt ſeinem Vater darbrachte. Nach Anleitung des penſylvaniſchen Geſangbuchs könnte freilich je— mand leicht zu einer Römiſch- Katholiſch-Me—⸗ thodiſtiſchen-Buß-Übung Anlaß bekommen, namentlich, wenn man das unter Nr. 173 da⸗ ſelbſt ſich befindende Lied, welches gleich zu An⸗ fang von der Mutter Gottes handelt, betrachtet: Es lautet: „Schaut die Mutter voller Schmerzen, Wit ſie mit zerrißnem Herzen Bei dem Kreuz des Sohnes ſteht.“ Wahrlich, ſtünde dieſes Lied im St. Louis Geſaugbuch, ſo würde der Weylſche Kirchenbote ſchon längſt ſein Anathema über die Alt-Luthe— raner ausgeſprochen haben, als verehrten ſie die Maria, wie er einſt ſich kühn genug erdreiſtete, bei der Sache des Ehrwürdigen Paſtor Wyneken in Baltimore. Allein hier drückt er ſein Auge zu, nun wohlan, auch ich will ſchließen, indem ich nur noch aus gedachtem Lied, Vers 7, fol— gende Strophe, die wohl zu ſehr katholiſirt iſ hervor hebe; es heißt daſelbſt unter anderein: „Ich will auch mir Wunden ſchlagen.“ Solche Aus⸗ drücke meine ich, ſi nd katholiſch genug, und könn⸗ ten leicht Anlaß geben, daß die wahre evangeli— ſche Buße in das Römiſch-Katholiſche Büßen, ſelbſt Sünde büßen, Anlaß geben könnte. Der Gott der Gnade aber erhalte uns bei der reinen evangeliſchen Wahrheit, und laſſe die Kirche, als die Trägerin der Wahrheit, dazu die— nen, daß das herrliche Kleinod ihrer Kirchenlie— der unverfälſcht bewahrt werden möge, bis ans Ende der Tage, bis die ſtreitende Kirche in die ewig triumphirende Kirche wird aufgenommen ſein, und das Te Deum Laudamus Gott und dem Lamme ewiglich ſingen wird. X. 7— (Eingeſandt.) Als Churfürſt Johannes der Beſtändige vor 300 Jahren die Augsburgiſche Confeſſion un⸗ terſchrieb, ahnte er wol nicht, daß ſchon nach 200 Jahren die Nachtommen mehrerer von de⸗ nen, welche mit ihm jenes merkwürdige und für die Kirche Gottes ſo wichtig gewordene Bekennt⸗ niß unterſchrieben, bei dem Bekenntniß der rei⸗ nen Lehre ſich nicht mehr finden laſſen, ja, daß die Kämpfe und Thaten der Väter, deren Land eigentlich die Wiege der Reformation genannt werden kann, ſo bald von den Nachkommen ver⸗ geſſen werden würden. Aber Gottes Rath in Erhaltung ſeiner heiligen Kirche iſt ein wunder— barer; der verſchiedenſten Werkzeuge bedient er ſich dazu. Bald müſſen arme, unangeſehene, vor der Welt unſcheinbare Perſonen Seinen Willen hinausführen, bald mächtige und weiſe Fürſten. Einen aufmerkſamen Beobachter nimmts darum auch nicht grade groß Wunder, wenn ſech der Gang der Begebenheiten ſo dreht, wie im ſächſiſchen Regentenhauſe. Dieſes ſchien zum Protectorat (Schutz) der reinen Lehre für eine lange Zeit von dem Herrn unſerm Gotte auser⸗ koren. Ich erinnere hierbei nur an einen Fri e⸗ drich den Weiſen, Johann den Be⸗ ſtändigen, Johann Friedrich den Großmüthigen, Auguſt. Dieſelben opfer⸗ ten viel für Erhaltung der reinendehre; Johann Friedrich ſogar ſein ganzes Land. Doch was geſchah? Einer auf dem ſächſiſchen Fürſten⸗ ſtuhle, dieſes Alles vergeſſend, ſchwor ſeinen Glauben ab, um ſich eine elende Königskrone aufſetzen zu laſſen: nehmlich Churfürſt Friedrich Auguſt II. In Polen war 1696 der König Johann Sobieskzy geſtorben, derſelbe, der 1683 Wien, das von den Türken hart belagert war und vor denen ganz Deutſchland zitterte, entſetzte. Die Wahl der Polen ſiel auf Churfürſt Friedrich Auguſt II. von Sachſen, der dafür aber zur römiſchen Kirche übertreten mußte. Zur Gemahlin hatte er eine Prinzeſſin aus dem mark⸗ gräflich Bayreuthiſchen Hauſe, Chriſtina Eber— hardina, eine edle fromme Frau, wie aus nach⸗— folgenden Briefe hervorgeht. Wie muß der Übertritt ihres Gemahls zur römiſchen Kirche, blos um eine unſichere Königskrone zu erlangen, dieſe fromme Seele geſchmerzt haben! Aber noch mehr! Als auch der Churprinz Friedrich Auguſt III. denſelben Schritt that — obwohl er noch nicht einmal wiſſen konnte, ob die Polen⸗ krone auch ihm werden würde, weil Polen ein Wahlreich war — da ſchrieb dieſe fromme Frau nachſtehenden Brief, den Einſender dieſes in der Hoffnung mittheilt, daß derſelbe das Intereſſe der Leſer des Lutheraner erregen möge. Er be⸗ merkt nur noch, daß der Churprinz Friedrich Auguſt III. am 27. Nov. 1712 in Bologna im Kirchenſtaate heimlich ſeinen Glauben abſchwor und es erſt am 11. Oct. 1717 öffentlich in Wien kund werden ließ. A. L. Schreiben der Churfürſtin von Sachſen Chriſtina Eberhardina, Tochter des Markgrafen von Bayreuth, Gemahlin Friedrich Auguſt II., Churfürſten von von Sachſen, an den Churprinzen Friedrich Auguſt III. Mein Sohn, wenn Du denjenigen Jammer ſehen ſollteſt, welchen über die erbärmliche Nach⸗ ——— richt Deines unglückſeligen Abfalls von der wah⸗