# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 09 29_S18 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) —— — — 18—— ßen Schaden leiden mußte. in jenem werthwollen Aufſatze gar nicht berührt worden, da doch aus dieſer Richtung die Spe- nerſche hervorging; die lotztere aber iſt ſo tref— fend und freimüthig dargeſtellt worden, daß man wünſchen muß, recht bald eine ähnliche Schilde— rung der Arnd'ſchen und namentlich auch unſe— rer neueſten Zeit zu bekommen. Wie ſich doch die Zeiten hinſichtlich des Urtheils über die Zeit ändern! Wer vor 10 Jahren ſich ſo über die Spenerſche Richtung geäußert hätte, der würde ohne Zweifel von pirtiſtiſch geſinnten Luthera— nern für einen in blindem Eifer befangenen An⸗ tipietiſten und darum auch für einen Antilnthe— raner erklärt worden ſein. Gott gebe, daß auch in den beiden andern Beziehungen bald die Zeit kom⸗ men möge, wo man endlich einmal frei herausredet. Die Spenerſche Richtung war ſehr geneigt, alle nicht von ihr ausgegangene Unterweiſung in Predigt und Katecheſe für ein todtes Wiſſen auszugeben, das erſt durch die eigne Empfindung des Herzens zum Leben kommen müßte. „Den Kopf in das Herz bringen,“ iſt Speners gewöhn— liches Wort und iſt in aller ſeiner und ſeiner Schüler Thätigkeit das letzte Ziel. Daher wur— den alle altkirchlichen Anordnungen in Bezug auf Predigt und Katechismus nur nach dem ein⸗ ſeitigen Grundſatz der Erbaulichkeit und Erweck— lichkeit beurtheilt. Vieles davon wurde als ein äußerliches unnützes Beiwerk entweder nach eig— nem Gutdünken verändert oder ganz bei Seite geſetzt und ſo wurde die Spenerſche Richtung die Anfängerin aller jener eigenmächtigen Verände⸗ rvungen in kirchlichen Vorſchriften; die ſich jetzt noch mancher lutheriſcher Prediger erlaubt. kamen durch Spener und deſſen Schüler gewiſſe ſtehende Formen auf, ſo daß faſt Alles über ei⸗ nen Leiſten geſchlagen wurde. Die regelmäßigen Bibellertionen ohne Ausle— gung, welche die lutheriſche Kirche ſo einſichts— voll angeordnet hatte, erklärte Spener geradezu, wenn nicht für ſchädlich, doch für zeitraubend. Die Predigten über die Evangelien erlitten viele nachtheilige Veränderungen. Das Geſchichkliche des Kirchenjahrs verſchwand immer, mehr aus der Predigt und ſie wurde in eine troͤckene Lehr— abhandlung verwandelt. Es nahm das leidige Jahrgangsweſen überhand, indem man nicht mehr den Inhalt der Predigt nach dem vor— liegenden Evangelio einrichtete, ſondern das Cvangelium in ein gewiſſes Generalihema ein— zwängte, das ſich durch alle Predigten des gan— zen Kirchenjahres hindurchzog, wodurch natürlich die Darlegung der Lehre und namentlich die rechte Theilung des Geſetzes und Evangelii gro⸗ Auf ſolche Weiſe hat Spener ſelbſt drei verſchiedene Jahrgänge über die Evangelien heransgegeben mit den Über⸗ ſchriften: Glanbensgrund, Glaubenstroſt und Lebensyſlichten. An den Evangelien ſelbſt machte Spener alle die Ausſtellungen, die bis in unſere Zeit herab immer aufs Neue wiederholt worden ſind: Daß ſie ein Reſt aus dem Papſtthum ſceien, daß ſie auf Vieles zum chriſtlichen Glauben und Leben Gehörige nicht hinführten, daß es außer ihnen ſo viele andere und reiche Schriftſtellen gäbe, — welche nun den Gemeinden entzogen würden u. ſ. w. So ſagt Spener unter andern: „Indem einmal nicht zu leugnen ſteht, daß wo man die Hauptſachen, die wir in der Chriſtenheit zu trei— ben haben, vortragen will, ſo geben uns die tvangeliſchen Terte ſehr wenig Anlaß, ſondern muß faſt alles nur bei Gelegenheit eingeſchoben, ja oft mit den Haaren herbeigezogen werden, welches bei den Epiſteln nicht alſo wäre.“ Da— her meint er, „daß viel reichere Auferbauung in den ſonntäglichen Epiſteln, als in den Evange— lien zu finden wäre.“ Wie eigenmächtig und höchſt unkirchlich Spe— ner in ſolchen Dingen verfuhr, kann man auch daraus erſehen, daß er die erſt nach Luthers Zeit anfgekommene Sitte, der Predigt einen beſondern Eingang vorauszuſchicken, dazu mißbrauchte, aus dieſem Eingange eine beſondere Predigt zu machen, worin er einzelne Bücher der h. Schrift oder den Katechismus erklärte; dann las er das Evangelium des Tages vor und predigte auch noch „etwas kurz“ darüber. Daß bei dieſer Richtung auch für die eigent— liche Auslegung der bibliſchen Bücher und na— mentlich der geſchichtlichen nicht viel zu erwarten war, ſieht man zum Ueberfluß aus Speners Ur⸗ theil: „Ich traue, was in der ganzen Hälfte der Schrift oder vielleicht drei Quarten derſelben ſich findet, woraus ein Einfältiger, deren Art ſtets die allermeiſten Glieder der Kirche ſind, ſich ei— gentlich im Glauben und Leben erbauen kann, in nicht viele Bogen zuſammenziehen ließe, aufs Wenigſte in der übrigen Hülfte oder Quart der Schrift alſo erſetzt ſich fſinden würde, daß ein ſolcher der übrigen ohne Abbruch entrathen könnte.“ Daraus iſt zu erklären, daß Spener kein Buch des A. Teſt. und unter den neuteſta⸗ mentlichen nur etwa einige apoſtoliſche Briefe erklärt hat; dagegen hat er Predigten über Arnds wahres Chriſtenthum gehalten und damit einen ganz neuen unkirchlichen Weg eingeſchlagen, auf dem ihm Manche, bis auf die neueſte Zeit ge— folgt ſind, indem ſie über andere, als bibliſche oder Katechismusterte predigten. Hinſichtlich der Uebung des Katechismus hielt Spener jenes Auf- und Vorſagen desſelben, wor⸗ auf die alte lutheriſche Kirche ſo viel gegeben, ja ſelbſt das Auswendig lernen des Katechismus, das früherhin keinem erlaſſen werden ſollte, für eben ſo unnöthig und zeitraubend, als die Bi⸗ bellectionen; die Spenerſche Schule hielt bald die ganze Anlage und den Inhalt des Katechis— mus nicht mehr für genügend und ſetzte ſpäter eine bis dahin ganz ungewöhnliche Form, näm— lich die ſogenannten Heilsordnungen ihm zur Seite. Auch den großen Katechismus Dr. Lu⸗ thers hielt man für nicht mehr genügend und verdrängte ihn durch mancherlei andere Erklä— rungen. Zuförderſt aber bildete Spener auch hier einen Fehler aus, zu welihem freilich ſchon vorber der Grund gelegt worden war, und welchen wir bis auf den heutigen Tag noch nicht überwunden ha— ben. Es war dies das Spruchweſen, jene Sitte, die aus einer ganz ungeſchichtlichen An⸗ ſicht der Schrift und aus einer einſeitigen Auf⸗ faſſung des Chriſtenthums als Lehre hervorging und nach welcher man für die einzelnen Gegen⸗ ſtände der Katechismuslehre eine Anzahl Lehr-, Ermahnungs- und Troſtſprüche herauslas und dieſelben als die Summa der h. Schrift dem Ge⸗ dächtniß der Jungen und Alten einzuprägen ſuchte; dadurch wurde, abgeſehen von andern Uebelſtän⸗ den, den Lehrern wegen der Auswahl der oft haufenweiſe dargebotenen Sprüche ſo wie wegen der rechten Erklärung derſelben, den Lernenden aber wegen des Behaltens dieſer oft nur mecha— niſch gelernten Sprüche eine nicht geringe Qual verurſacht und auf ſolche Weiſe beiden der ganze Katechismusunterricht immer mehr verleidet. Die Katechismuspredigten unterſchieden ſich in nichts von den Evangelien-und ſchriftausle⸗ genden Predigten, die eben fehlerhafter Weiſe nicht anders als Katechismuspredigten behan⸗ delt wurden, d. h. als bloße, freilich ziemlich trockenevehrpredigten. Die Katechismusexamina wurden'je länger deſto häufiger von denjKatechis⸗ muspredigten ganz gegen die alt-kirchliche Praxis losgeriſſen und beſtanden größtentheils in der Zurückführung der Katechismusworte auf ein— zelne Bibelſtellen. Wenn dieſe Eramina in ähn— licher Weiſe gehalten wurden, wie man davon in Speners Bedenken eine Probe über die Lehre von der Taufe findet, ſo iſt es allerdings ſchwer zu begreifen, wie dieſelben z. B. in Dresden ſo viel Beifall und Theilnahme gefunden haben ſollen; wahrſcheinlich hat die amtliche Stellung Speners als Oberhofpredigers und der Reiz der Neuheit Bieles dazu beigetragen. Uebrigens ſteht die oft wiederholte Behauptung, Spener habe zuerſt die Katechismusexramina wiederein⸗ geführt, in offenbarem Widerſpruche mit allen alten Kirchenordnungen. Sehr treffend ſagt Hr. Dr. Kliefoth am Schluſſe ſeiner Schilderung der pietiſtiſchen Zeit: „Nach— dem Spener ſo die ganze Ordnung der Kirche in dieſen und vielen andern Stücken verkannt und verkehrt hatte, hoben dann er und die Sei⸗ nigen ihre Klagen an, daß es in der Kirche gar keine rechten Stellen gebe, um das Nechte zu thun; ſie richten ſich collegia pietatis in den Häuſern ein, nachdem ſie das von der Kirche für die Bedürfniſſe der weiter geförderten Gemeinde⸗ glieder geordnete Mittel der Wochengottesdienſte durch falſche Behandlung unnütz gemacht haben; und ſtimmen jenes Geſchrei nach „neuen Mitteln“ an, welches bis auf den heutigen Tag in demſelben Unbekümmertſein un die alten Mittel forttönt.“ Dieß wird auch durch unſere Erfahrung hier zu Lande beſtätigt; denn gehörten nicht jene ehr⸗ würdigen Männer die vor hundert Jahren die lutheriſche Kirche hierher verpflanzten, der halli— ſchen oder pietiſtiſchen Schule an und ſind nicht urſprünglich alle die, welche jetzt ſo ſehr für die „neuen Maßregeln“ eingenommen ſind, aus ihrer Schule hervorgegangen? In jenem Aufſatze heißt es weiter: „Eine Richtung, welche mit ſo prinzipmäßiger Verken⸗ nung der Geſchichte das Glaubensleben der Kir⸗ che auf die Früchte des Glaͤubens baſiren, und den Glauben, welcher erſt dem Herzen Feſtigkeit geben ſoll, durch das Herz befeſtigen wollte, mußte —.——