# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1845 07 12_S89 # AI-corrected against the scan — CHI Digital Archive (demonstration) Der Lutheraner. „Gottes Wort und Luthers Lehr' vergehet nun und nimmermehr.“ Herausgegeben von C. F. W. Walther. Jahrgang 1. St. Louis, Mo., den 12. Juli 1845. No. 23. Bedingungen: Der Lutheraner erscheint alle zwei Wochen einmal für den Subscriptionspreis von Einem Dollar fünf und zwanzig Cents für die auswärtigen Unterschreiber, welche davon die Hälfte vorauszubezahlen und das Postgeld zu tragen haben. — In St. Louis wird jede einzelne Nummer für 6¼ Cents verkauft. Der Christen höchster und größter Schatz ist das liebe Wort Gottes. (Dr. Luther in der Auslegung des 23. Psalms.) Wir sollen aus diesem Psalm lernen, daß wir Gottes Wort nicht verachten, sondern gern hören und lernen, lieb und werth halten, und uns zu dem Häuflein thun, da man es findet, wiederum fliehen und meiden, die es lästern und verfolgen. Denn wo dies selige Licht nicht scheint, da ist weder Glück noch Heil, Stärke und Trost beide an Leib und Seele, sondern eitel Unfrieden, Schrecken und Zagen, sonderlich wenn Trübsal, Angst und der bittere Tod vorhanden ist. Solches soll uns warnen und bewegen, daß wir auf Erden nichts höheres und köstlicheres achten sollen, denn gleich diese Wohlthat, daß man dies liebe selige Wort haben und an einem Orte wohnen kann, da man es frei öffentlich darf lehren und bekennen. Darum ein Christ, der in eine Kirche gehört, darin man Gottes Wort lehrt, so oft er hinein geht, soll er an diesen Psalm gedenken, und mit dem Propheten mit fröhlichem Herzen Gott danken für seine unaussprechliche Gnade, daß er ihn als sein Schaf in eine grüne lustige Aue gesetzt hat, da köstliches Grases und frisches Wassers die Fülle ist, daß er an einem Ort sein kann, daß er Gottes Wort hören und lernen und reichen Trost beides an Leib und Seele daraus schöpfen kann. Die tolle und blinde Welt weiß von diesem Schatz und köstlichen Perle gar nichts, denket allein wie eine Sau und unvernünftig Thier, wie sie den Bauch fülle oder wenn's hoch kommt, folget sie falscher Lehre und Heuchelei, läßt Wahrheit und Glauben fahren. Darum will es wohl bei dem kleinen Häuflein bleiben, daß sie solche Wohlthat erkennen und sammt dem Propheten Gott einen Psalm und Loblied dafür singen. Was sagst du aber von denen, so die Predigt Gottes Worts nicht können haben, als da sind, die unter den Tyrannen und Feinden der Wahrheit wohnen? Wahr ist's, wo Gottes Wort gepredigt wird, da kann's ohne Frucht nicht abgehen, wie Esaias sagt: Das Wort, so aus meinem Munde gehet, soll nicht wieder leer zu mir kommen. So haben auch die frommen Christen selben Orts einen Vortheil, der ihnen wahrlich lieb ist. Denn Christen achtens sehr groß, wenn sie an einem Orte sein können, da man Gottes Wort frei öffentlich lehret und bekennt und die Sacramente nach Christi Befehl reichet. Aber solche sind gar dünn gesäet, der falschen Christen sind allezeit viel mehr, denn der frommen. Derselbe große Haufe fraget nichts nach Gottes Wort, erkennt's auch nicht für eine Wohlthat, daß er es ohne allen Schaden und Fahr hören kann, ja wird sein bald satt und überdrüssig und rechnet's gleich für eine Beschwerung, daß er es hören und das heilige Sacrament empfangen soll. Wiederum die unter den Tyrannen sich leiden müssen, schreien mit großem Verlangen Tag und Nacht darnach, und kommt ihnen etwan nur ein kleines Bröcklein von unserem Brode zu, das uns Christus hat reichlich ausgetheilet, das nehmen sie mit großer Freude und Danksagung an und machen's ihnen sehr nütze. Da unsere Säue dagegen das selige Brod reichlich und viel ganze Körbe voll Brocken haben, aber vor Ueberfluß dazu nicht riechen mögen, ja stoßen's mit dem Rüssel um, wühlen darin, treten's mit Füßen und laufen darüber hin. So ist nun kurz das meine Antwort auf diese Frage von denen, die unter den Tyrannen wohnen: selig sind die, sie seien nun unter den Türken oder Pabst zerstreut, die des Worts beraubt sind und hätten's doch von Herzen gerne und nehmen dieweil mit Dank an die Brocken, die ihnen widerfahren können, bis einmal besser wird. Haben sie aber nicht weit an die Oerter, da man Gottes Wort predigt, und das heil. Sacrament nach Christi Befehl reichet, da mögen sie wohl hinreisen und diesen Schatz brauchen, wie denn viel thun und werden darüber von ihrer gottlosen Obrigkeit gestraft an Leib und Gut. Wohnen sie aber weit von solchen Orten, so hören sie nur nicht auf darnach zu seufzen; es wird gewißlich unser HErr Christus ihr Seufzen erhören und mit der Zeit ihr Gefängniß wenden. Wiederum: unselig und aber unselig sind die, so diesen Schatz reichlich für der Thür haben und ihn doch verachten! — Diesen trefflichen Worten Dr. Luther's denket ernstlich nach, ihr Lutheraner! Christum erkennen als eine Gabe und als ein Exempel. Dr. Luthers Vorrede zur Kirchenpostille. Das Hauptstück und Grund des Evangelii ist, daß du Christum aufnehmest und erkennest als eine Gabe und Geschenk, das dir von Gott gegeben und dein eigen sei, also daß, wenn du ihm zusiehest oder hörest, daß er etwas thut oder leidet, daß du nicht zweifelst, er selbst, Christus, mit solchem Thun und Leiden sei dein, darauf du dich nicht weniger mögest verlassen, als hättest du es gethan, ja als wärest du derselbige Christus. Siehe, das heißt das Evangelium recht erkennen, das ist die überschwängliche Güte Gottes, die kein Prophet, kein Apostel, kein Engel hat je mögen ausreden, kein Herz je genugsam verwundern und begreifen. Das ist das große Feuer der Liebe Gottes zu uns, davon wird das Herz und Gewissen froh, sicher und zufrieden. Das heißt den christlichen Glauben predigen, davon heißt solche Predigt Evangelium, das lautet auf deutsch soviel als eine gute, fröhliche, tröstliche Botschaft, davon sagt Jes. 9: Ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns gegeben. Ist er uns gegeben, so muß er unser sein, so müssen wir uns auch sein annehmen, als des unsern. Und Röm. 8: Wie hat er uns nicht alle Dinge sollen geben mit seinem Sohn? Siehe, wenn du also Christum fassest, als eine Gabe, dir zu eigen gegeben, und zweifelst nicht daran, so bist du ein Christ; der Glaube erlöset dich von Sünden, Tod und Hölle, machet, daß du alle Dinge überwindest. Ach, da kann Niemand genug davon reden, da ist die Klage, daß solche Predigt in der Welt verschwiegen ist und alle Tage das Evangelium gerühnet wird. Wenn du nun Christum also hast zum Grunde und Hauptgute deiner Seligkeit, dann folget das andere Stück, daß du ihn auch zum Exempel fassest, ergebest dich auch also teinen Nächsten zu dienen, wie du siehest, daß er sich dir ergeben hat. Siehe, da gehet denn Glaube und Liebe im Schwange, ist Gottes Gebot erfüllet, der Mensch fröhlich und unerschrocken zu thun und zu leiden alle Dinge. Denn siehe eben darauf, Christus, als eine Gabe, nähret deinen Glauben und machet dich zum Christen. Aber Christus, als ein Exempel, übet deine Werke; die machen dich nicht zum Christen, sondern sie gehen von dir Christen, schon zuvor gemacht. Wie ferne nun Gabe und Exempel sich scheiden, so ferne scheiden sich auch Glaube und Werke. Der Glaube hat nichts eigenes, sondern nur Christi Werk und Leben. Die Werke haben etwas eignes von dir, sollen aber noch nicht dein eigen, sondern des Nächsten sein. 12