# Der Lutheraner_St. Louis Missouri_1850 09 28_S216 # Machine transcription, uncorrected — CHI Digital Archive (demonstration) Daß 3 Moſ. 18, 20. eine ſolche Auslegung Statt habe, die ſich weiter erſtreckt, als die Worte lauten, wird durch folgende zwei Gründe ganz unzweifelhaft. Es hebt zuerſt Gottes im Alten wie im Neuen Teſtament ſo reichlich geoffenbarte Weisheit und Vollkommenheit auf, wenn da, wo ſich doch einerlei Urſache befindet, ſchlechterdings nicht gleiche Verfügung des Geſetzes beſtehen ſollte; von dieſer Regel, die von vorn herein der Schrifttheologie ſo gewiß iſt, wie in der Arith⸗ metik, daß zwei mal zwei nicht fünf ſein kann, ginge Gott ab, wenn Sein Geſetz ſo zu verſtehen wäre, daß den mit Namen aufgeführten Perſonen die Ehe zwar unterſagt würde, den unbenannten hingegen nicht, obwohl dieſe und jene in gleichem Grade der Verwandtſchaft ſtehen. Und zweitens entſpringen aus der entgegengeſetzten Anſicht die ungereimteſten Folgen, daß nemlich viele Heira⸗ then, z. B. zwiſchen einer Großmutter und ihrem Enkel, zwiſchen einem Großvater und ſeiner Ur⸗ enkelin ꝛc., (ſelbſt zwiſchen einem Vater und ſeiner leiblichen Tochter?) zuläſſig ſein müßten, deren Schändlichkeit doch bei den meiſten Heiden eine innerliche natürliche Empfindung herſſcht, die nur bei Menſchen außen bleibt, wo der Ge⸗ wiſſenstrieb ſich nicht mehr regt und die Stimme des Naturlichts nach und nach verſtummt. Gegen hier und da erhobenen Einwurf hat der große, von ſcholaſtiſch⸗philoſophiſcher Verkehrtheit ſo freie Martin Chemnitz dieſe Grundſätze glücklich geret⸗ tet, welchem dann die meiſten unſerer Theologen, auch Joh. Gerhard, gefolgt ſind. Nur der be⸗ denkliche, zu Skrupeln ſo geneigte Phil. Jak. Spener machte unter den angeſehneren Lehrern zuerſt wieder hiervon eine Ausnahme. Hauptſächlich war es 3 Moſ. 18, 18., welches letzteeen bewog, bei einem heftigen Streite, der ſich über die Verheirathung eines ſonſt geachteten Theologen mit zwei Schweſtern nach (nicht neben) einander, wie es früher ſchon lutheriſche Fürſten gethan, unter ſeinen Collegen erhob, in der Milde ſeiner Geſinnung daran zu erinnern, daß ſolche Ehe ja nicht durch ein ausdrückliches Gotteswort zur unerlaubten werde. Obgleich nun folgerecht nach Obigem dies nicht gutgeheißen werden kann, ſo dürfen wir jedoch der Analogie der Schrift wegen wohl ihm zugeben, daß des göttlichen Gei⸗ ſtes Abſehn in der vorerwähnten Stelle darauf vorzugsweiſe gegangen ſei, den Kindern Iſrael, die ſich auf das Erxempel ihres Stammvaters Jakob iberufen mochten, Simultanehen mit zwei Schweſtern zu verbieten, und daß aus ähnlichem Grunde die theilweiſe Wiederholung des V. 9 in natürliche Individualität des Menſchen iſt der Grund, auf dem die Gnade ihr geiſtliches Gebäu errichtet. So müſſen wir den Apoſtel Paulus und Johannes, Luther und Me⸗ lanchthon zu der gedoppelten Richtung der erſtern Klaſſe rechnen, den Apoſtel Petrus, den langmüthigen, aber Luthern treu ergebenen Bugenhagen und Andere mehr zur zweiten, zur dritten Reihe den Apoſtel Jakobus, deſſen ſcheinbare Nivellirung des Glaubens den in die Kirche ein⸗ gedrungenen todten Gegenſatz ausgleichen ſollte, und unter andern den Braunſchweiger Superintendenten und Mit⸗ verfaſſer der Concordienformel, Martin Chemnitz. In wunderbar unendlicher Mannigfaltigkeit ſind dieſe Gaben im Rriche der Natur und des Geiſtes, der da heiliget, bald beſchränkt, bald geſteigert, bald modifizirt. 7 V. 11 gegen Abrahams Beiſpiel (1 Moſ. 20, 12.), deſſen Art der Ehe unter den Völkern min⸗ der gewöhnlich, als die zwiſchen Stiefgeſchwiſtern von einer gemeinſchaftlichen Mutter war, gerichtet geweſen iſt. Ueberhaupt geben die mehr oder weniger bei uns gangbaren Sitten des Morgen⸗ landes den Ausſchlag, warum in der Schrift die Heirathsfälle etlicher Perſonen gleichen Grades nicht beſonders deſignirt ſind, weil bei den einen die Gelegenheit näher lag, als bei den andern, wie denn z. B. nach einem alten Recht der Neffe, wenn ſein Vater nicht mehr lebte, ſeines Vaters Bruders Witlwe in die Erbſchaft bekam, nicht aber die ſeiner Mutter Bruders, welche zu einer ganz verſchiedenen Familie gehörte; ingleichen eine ledige Tante dem häuslichen Zuſammen⸗ wohnen minder fern ſtand als eine Nichte. Man hat, um leichter und mit ſicherm Blick die verbotenen Grade überſehen zu können, zwei Hauptarten von Zählungen verſucht. Die eine iſt dem alten römiſchen Civilgeſetz eigen, und ſteht n einem jeden europäiſchen Landrecht, wo das corpus juris Rom. gilt, wiewohl hier und da nach den beſonderen Obſervanzen jedes Landes mit Zuſätzen oder Verminderungen; aller Wahr⸗ ſcheinlichkeit nach iſt ſie auch in den Vereinigten Staaten zum Grund gelegt. Die andere Art, die Verwandtſchaftsgrade zu berechnen, iſt die des kanoniſchen oder alten päbſtlichen Rechts, welche auch in lutheriſchen Ländern für alle Eheſachen (d. h. Rechtsfälle, die wegen Schließung oder Trennung der Ehen entſtehen, und daher in das Gebiet der Conſiſtorien reichten — Streitigkeiten z. B. über das Heirathsgut, Erziehung und Er⸗ haltung der Kinder, Erbſchaften ꝛc. ſind keine Eheſachen, gehörten vor die bürgerlichen Gerichte) früher beibehalten worden iſt. (Eine der wich— tigſten Folgen übrigens der Gewohnheit, die Ver⸗ heirathungs- und Scheidungsfälle geiſtlichen Ge⸗ richten zu überlaſſen, möchte dieſe ſein, daß ein katholiſcher Landesherr in Eheſachen ſeiner pro⸗ teſtantiſchen Unterthanen zu erkennen nicht befugt war; denn die Conſiſtorien ſollten im urſprüng⸗ lichen Sinne die alten Presbyterien der Kirche ſein, darin der weltliche Regent als vornehmlich zur äußeren Kirchenleitung geſchickt, wenn er nemlich zu ihr gehörte, in Perſon oder durch ſei⸗ nen Miniſter nichts weiter als das Präſidium hätte.) In dem bürgerlichen Recht heißt es beſtändig: Soviel Generationen (Geſchlechter) ſind, ſoviel ſind auch Verwandtſchaftsgrade. Hingegen im kanoniſchen Recht gilt dieſe Regel nur bei der geraden auf⸗ oder abſteigenden Linie; für die beiden Collaterallinien hat man zwei beſondere Regeln, die eine bei der gleichen: Soweit die Perſonen von dem gemeinſchaftlichen Stamme entfernt ſind und abſtehen, ſo weit oder um ſo viel Grade ſtehen ſie von einander ab; die andere bei der ungleichen Seitenlinie: Um ſo viel Grade die am weiteſten entfernte Perſon vom gemeinſchaft⸗ lichen Stamme entfernt iſt oder abſteht, um ſo viel Grade ſtehen beide Perſonen, von denen die Frage iſt, von einander ab. Nach dem kanoni⸗ ſchen und dem Civilrecht iſt in gerader Linie Jakob von Tharah um drei Grad entfernt, denn es ſind drei Generationen; hingegen in der glei⸗ chen Seitenlinie iſt nach dem bürgerlichen Recht Laban mit Jakob im ſechsten Grad, nach dem kanoniſchen aber nur im dritten Grad verwandt; und in der ungleichen Seitenlinie iſt nach dem bürgerlichen Recht Laban mit Abraham im vier⸗ ten Grad, mit Iſaak im fünften Grad, nach dem kanoniſchen Rechte aber mit beiden im dritten Grad verwandt. Die letztere Art behält darin wenigſtens einen Vorzug, daß ſie logiſcher iſt; denn daß Jakob und Laban nur im dritten Grad Verwandte ſeien, folgt aus dem allgemeinen Princip: Welche Dinge mit einem und demſelben dritten verbunden ſind, ſind auch unter ſich wie mit dem dritten connectirt; und wenn Milka, Haran's Tochter, im zweiten Grad der Familie, Nahor aber im erſten iſt, ſo kann Nahor und Milka nicht im erſten Grad mit einander ver⸗ wandt ſein, ſonſt würde die vom Stamm entfern⸗ tere Perſon, Milka, der anderen, Nahor, näher verwandt ſein als dem Stammvater Tharah; folglich ſind ſie einander im zweiten Grad ver⸗ wandt, wie das kanoniſche Recht lehrt. In der Schwägerſchaft zählt dieſes drei Gattungen: 1) wenn vermittelſt einer einigen Perſon die Blutsfreunde des einen Theils Schwäger des andern werden, 2) wenn vermittelſt zweier, 3) wenn vermittelſt dreier die Schwägerſchaft entſteht; z. B. Ismaels Weib war Rebekka's Schwägerin in der zweiten Gattung vermittelſt der zwei Brü⸗ der. Die Regeln nun, die für die Blutsfreund⸗ ſchaft bei den lutheriſchen Conſiſtorien galten, wurden auch bei der Schwägerſchaft beobachtet; in der geraden auf⸗ und abſteigenden Linie ſind die Verheirathungen in's Unendliche verboten, und in den Seitenlinien ſind ſie es, ſo oft der eine Theil nur um einen einigen Grad vom ge⸗ meinſchaftlichen Stamme entfernt iſt. Die zweite und dritte Gattung der Schwägerſchaft legen keine Hinderniſſe in den Weg. Da es mit Recht dem Chriſten daran gelegen ſein muß, eine deutliche Einſicht in dieſe anſchei⸗ nend verwickelten Verhältniſſe zu bekommen, ſo iſt es das Gerathenſte, alles nach göttlichem Recht Verbotene in folgende vier Beſtimmungen zuſam⸗ menzufaſſen: I. In der geraden auf- und abſtei⸗ genden Linie ſind alle Ehen bis in das Unend⸗ liche, wenn ein ſolcher Fall möglich wäre, wider das Naturrecht und daher blutſchänderiſch zu nennen. II. In der gleichen Seitenlinie nur die Ehen zwiſchen Brüdern und Schweſtern, Schwägern der erſten Gattung und Stiefgeſchwi⸗ ſtern; aber nirgends ſind in Gottes Wort ver⸗ boten Heirathen zwiſchen zugebrachten Kindern, wo weder Vater noch Mutter gemeinſchaftlich iſt, z. B. wenn Sarah von der Stiefmutter Abra⸗ hams mit einem fremden, ihrem erſten Manne, gezeugt worden wäre — und zwiſchen Geſchwi⸗ ſterkindern. III. In der ungleichen Seitenlinie hat, wenn die eine Perſon von dem gemeinſchaft⸗ lichen Stamme nur um einen Grad entfernt iſt, an deren Heirath mit den andern bis in das Un⸗ endliche der Linie Gott keinen Gefallen, weil jene aus dem Verhältniß der Eltern zu den Kindern